Start-up-Szene Nürnberg: "Redet über eure Ideen!"

Benjamin Bauer (25), Andreas Wünsche (33) und Jan Hohner (25) machten aus der Not eine Tugend: Da ihnen der Stundenplan-Service deutscher Universitäten zu kompliziert war, erfand das Nürnberger Trio einen Online-Stundenplan-Generator: UniCoach.de. Mittlerweile entwickelt sich das Portal zu einer Erfolgsstory.

Ich traf mich mit Benjamin und Andreas im Nürnberger Café Katz auf einen Cappuccino und ein Tonic Water. In 75 kurzweiligen Minuten sprachen wir über UniCoach, den Web-Standort Nürnberg, die Bologna-Reform und den hilfreichen Oma-Test.

Benjamin, Andreas, was ist UniCoach? Was können User auf eurer Website machen?

Benjamin: UniCoach ist ein Portal, auf dem sich Studenten ihren Stundenplan erstellen können. Die gängigen Stundenplan-Systeme der Universitäten nerven viele Studenten, weil sie umständlich und fehlerhaft sind. Wir fanden einen Weg, die Daten zu exportieren, und entwickelten mit UniCoach einen einfach zu bedienenden Stundenplan-Generator. Innerhalb von zwei Wochen nach dem Start hatten wir 1000 Registrierungen, ohne dafür werben zu müssen. Momentan haben wir die Stundenplan-Daten von 17 deutschen Unis integriert.

Das UniCoach-Team: Andreas, Mitarbeiter Felix und Benjamin
Das UniCoach-Team auf dem Bayreuther Ökonomiekongress (v.l.):
Andreas, Mitarbeiter Felix und Benjamin.

Für Mai habt ihr ein neues Feature angekündigt – eine "neue Art der Kommunikation". Bitte erzählt uns etwas darüber.

Benjamin: Hauptprodukt wird künftig der Frage-Antwort-Service von UniCoach sein. Hintergrund: Jeder Student ist in vielen verschiedenen Facebook-Gruppen, hat unzählige Dropbox-Ordner und ist Mitglied in diversen studentischen Foren – das ist ein riesiges Chaos, bei dem viel Wissen verloren geht! Mit UniCoach wollen wir das alles in einem zentralen Wissensportal bündeln. Bei uns sollen die Studis künftig Fragen zum Studium, zu Praktika oder zur Jobsuche stellen können. Und im Gegensatz zum allzu öffentlichen Facebook kann man bei UniCoach auch anonym fragen und anonym antworten.

Andreas: Wir wollen es den Studenten ermöglichen, schnell eine Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, ohne sich durch unzählige Foren kämpfen zu müssen.

Wann seid ihr mit UniCoach online gegangen?

Benjamin: Ende 2012. Ich und unser Informatiker Jan waren damals noch im Studium, Andreas war schon länger als Kommunikationsdesigner selbstständig. Anfangs wollten wir UniCoach nur testen. Alsbald hatten wir aber die ersten Werbekunden, zum Beispiel MeinFernbus.de oder die DATEV eG. Irgendwann lief UniCoach so gut, dass wir unser Vorhaben professionalisierten.

Video: So funktioniert UniCoach

 


Ihr seid ein Trio: Wer macht was im Team?

Benjamin: Ich mache das Marketing, Andreas das Design und Jan die Programmierung. Momentan haben wir auch drei Praktikanten, die wir in Vertrieb und Marketing einsetzen.

Wie finanziert sich UniCoach momentan und wie wollt ihr das zukünftig tun?

Benjamin: Momentan finanzieren wir uns hauptsächlich über Bannerwerbung und Logoplatzierungen im Stundenplan. Wir schreiben bereits schwarze Zahlen, zahlen uns aber keine Gehälter. Derzeit befinden wir uns in einer Finanzierungsrunde und verhandeln mit Business Angels. Künftig wollen wir stärker Richtung Recruiting und Employer Branding gehen: Sobald wir das Frage-Antwort-Portal auf UniCoach integriert haben, wird man auch Jobangebote einstellen können. Im Frage-Antwort-Bereich können sich Unternehmen direkt einklinken: Fragt zum Beispiel ein Student, wie ein Praktikum bei einem Unternehmen abläuft, kann das Unternehmen direkt darauf reagieren.

Wie kamt ihr auf den Namen UniCoach?

Benjamin: Wir hießen zunächst KlausurenCoach, da wir erst eine Nachhilfe-Plattform errichten wollten. Dann verschob es sich aber immer mehr in Richtung Stundenpläne und Wissensportal. Also suchten wir einen neuen Namen und hatten Listen mit hunderten Ideen. Wir nutzten dann den Oma-Test (lacht).

Ein Test mit Großmüttern?

Benjamin: Genau (lacht). Wir erstellten eine Liste von Namen, riefen unsere Omas an, lasen ihnen die Liste vor und fragten, welchen Namen sie am besten fanden. Meistens war UniCoach der Favorit. 

Andreas: Der Name sollte einprägsam sein und es sollten positive Assoziationen mitschwingen. UniCoach schnitt bei diesen Punkten am besten ab.

Das UniCoach-Logo
Das UniCoach-Logo

Wie kommt ihr an die Stundenplan-Daten der Hochschulen und wie werden diese in die UniCoach-Datenbank integriert?

Benjamin: In Nürnberg gibt es eine offizielle XML-Schnittstelle, es ist ausdrücklich erwünscht, dass man die Daten exportiert. Generell sind die Daten an allen Unis öffentlich zugänglich. Der Nürnberger Uni-Dekan hat uns sogar weiterempfohlen, sozusagen als Konkurrenz zum eigenen Uni-Produkt.

Ihr bekamt ein Förderstipendium der Studenteninitiative START Erlangen-Nürnberg. Wie kam es dazu?

Benjamin: START ist ein europaweites Netzwerk. Wir haben uns in Nürnberg beworben, das Auswahlverfahren umfasste Assessment Center und Vorstellungsgespräche. Es gab drei Preisträger und wir waren einer davon. Das Förderstipendium umfasste Dienstleistungen im Wert von 15.000 bis 20.000 Euro.

Wie sehen diese Unterstützungen aus?

Benjamin:
Wir bekamen zum Beispiel ein kostenloses Büro, ebenso kostenlose Unternehmensberatung. Alles Dinge, die uns wirklich weitergebracht haben. Wir können START nur empfehlen.

Stichwort Marketing: Auf welche Kanäle und Disziplinen setzt ihr, um UniCoach bekannt zu machen?

Benjamin: Momentan funktioniert Offline-Marketing für uns besser als die Online-Variante. Wir haben es mit Facebook-Ads und auch Google AdWords versucht, was ein gutes Grundrauschen brachte. Wenn wir aber vor Ort bei den Unis unsere Flyer verteilen, bringt das die besten Ergebnisse. Auch die Kooperationen mit den Fachschaften – den Studentenvertretungen der Unis – bringen uns viel. Das stiftet Vertrauen, weil wir offiziell empfohlen werden.

Andreas: Die Mischung aus online und offline macht’s. Die Offline-Maßnahmen schaffen das Vertrauen, auf dem die Online-Maßnahmen aufbauen können.

Wie haben sich eure Nutzerzahlen bislang entwickelt?

Benjamin: In der Testphase hatten wir 5000 Anmeldungen und konnten 70 Prozent der Nürnberger Studenten auf die Seite holen. Vor kurzem sind wir deutschlandweit an 17 Unis gestartet.

Das UniCoach-Team bei der Arbeit
Das UniCoach-Team bei der Arbeit (v.l.): Benjamin, Jan und Andreas.

Die Bologna-Reform wurde und wird teils heftig kritisiert. Wie ist eure Meinung: Überwiegen die Vor- oder die Nachteile?

Andreas: Man hört schon, dass das Arbeitspensum immens zugenommen hat. Ich glaube aber, dass hier eine Generation heranwächst, die deutlich besser auf das Berufsleben vorbereitet sein wird. Die kommen mit einem viel besseren Know-how aus der Uni. Da besteht möglicherweise auch ein Unterschied zwischen Unis und Fachhochschulen.

Benjamin: Das Diplom war eine Marke, die auch im Ausland hoch angesehen war. Das fehlt jetzt schon ein bisschen. Auch die Anrechenbarkeit ist international nicht immer gegeben, obwohl das anlässlich Bologna immer propagiert wurde: Die meisten meiner Kurse, die ich in England machte, konnte ich hier nicht anrechnen lassen. Da gibt es noch sehr viel Nachholbedarf. Es bleibt fraglich, ob das alles so glücklich gelaufen ist. Wir wollen mit UniCoach einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass es besser wird.

Lasst uns über euch, die Menschen hinter UniCoach sprechen. Wie ist euer persönlicher Werdegang?

Benjamin: Ich war Schüler- und Klassensprecher und immer gut darin, Dinge zu organisieren. Während meiner Schulzeit arbeitete ich bereits in einem Start-up als Head of Business Development [Leiter der Geschäftsfeldentwicklung – Anm. d. Verf.]. Nach dem Abi studierte ich Sozialökonomik und machte in England zusätzlich einen Bachelor in Business und Marketing. Momentan bin ich wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik I an der Uni Erlangen-Nürnberg. Vor zwei Jahren gründete ich den Gründermagneten in Berlin – den Dachverband für studentische Gründungsinitiativen. Er ist mittlerweile einer der größten studentischen Vereine Deutschlands.

Andreas: Ich war schon immer sehr künstlerisch geprägt, arbeitete bei der Schülerzeitung und komponierte Musik für das Schulorchester. Mit der Technik verbindet mich eine Hass-Liebe (lacht). Da ich sehr ehrgeizig bin, wollte ich immer auch schwierige Dinge können und verstehen. Deshalb wollte ich nach dem Abi Informatik studieren, was ich jedoch nach zwei Semestern wieder abbrach. Danach machte ich eine Ausbildung bei der Werkbund Werkstatt in Nürnberg, die sich am Konzept der Kunstschule Bauhaus orientiert. Das motivierte mich, Kommunikationsdesign an der FH Nürnberg zu studieren, wo ich einige Zeit auch im Usability Labor arbeitete. Schon während der Studienzeit machte ich mich als Kommunikationsdesigner selbstständig.

Stundenplan erstellen mit UniCoach
Schnell & einfach: Stundenplan erstellen mit UniCoach.

Wie habt ihr euch kennengelernt?


Benjamin:
Ich war auf einer Abendveranstaltung im Coworking-Space Nürnberg. Andi war der Einzige, der um 22 Uhr dort noch am Rechner saß und arbeitete (lacht). Ich bin zu ihm gegangen und habe Hallo gesagt. Und unseren Informatiker Jan habe ich über einen Studienkollegen kennengelernt.

Ihr seid ein Trio und werdet nicht immer einer Meinung sein. Wie geht ihr mit Team-Konflikten um?

Benjamin: Natürlich fetzen wir uns auch mal, das gehört dazu. Wir sind mittlerweile als Team so gereift, dass wir diese Konflikte aushalten und uns anschließend wieder in die Augen schauen können. Der Vorteil: Bei einem Trio gibt es immer eine Mehrheitsentscheidung.

Andreas: Für mich ist das ein spannender Lernprozess, weil ich immer sehr stark auf Diplomatie und Konsens bedacht war. Ich lerne gerade, dass man sich zoffen kann und trotzdem wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommt.

Ihr habt euch für den Standort Nürnberg entschieden. Warum?

Benjamin: Es hat sich entwickelt, weil wir alle hier studiert oder gearbeitet haben. Wir wollen auch hier bleiben. Nürnberg bietet mehr als man auf den ersten Blick sieht. Eine schlechte Idee wird nicht dadurch besser, dass man nach Berlin geht. Wenn man eine gute Idee hat, kann man die auch in Nürnberg umsetzen. Ein Vorteil Nürnbergs: Als Start-up ist man nicht einer von vielen.

Andreas: Wir haben hier mittlerweile wertvolle Kontakte aufgebaut, das hiesige Netzwerk bringt uns sehr viel. Würden wir woanders hingehen, müssten wir das komplett neu aufbauen.

Benjamin:
Man muss aber auch unbedingt über die Grenzen der Region Nürnberg-Fürth-Erlangen hinausgehen. Man braucht Netzwerke in ganz Deutschland und kommt an Berlin nicht vorbei. Es braucht eine Stadt, die auch international wahrgenommen wird, und das ist Berlin. Nürnberg hat noch einen sehr, sehr weiten Weg vor sich, auch weil es hier kaum echte Internet-Investoren gibt.

Wie schätzt ihr die Web-Szene Nürnberg-Fürth-Erlangen ein?

Andreas: In der Szene geht sehr viel, sie wird bislang nur noch nicht richtig wahrgenommen. Markus Teschner hat hier in den letzten zwei bis drei Jahren viel vorangebracht: Events wie der CreativeMonday, die WebWeek oder die PechaKuchaNight bringen die Szene voran. Viel tut sich auf den ehemaligen Quelle- und AEG-Arealen, wo sich Selbstständige niederlassen. Außerdem gibt es in Nürnberg ein tolles FabLab.

Der CreativeMonday Nürnberg
Einer von vielen Nürnberger Kreativ-Events:
Der CreativeMonday.

Benjamin: Ich habe meine Bachelor-Arbeit über die Nürnberger und Erlanger Gründerszene geschrieben und viele Interviews geführt. Man kann die Situation nach den Start-up-Phasen einteilen: In der Gründungsphase läuft es hier in der Region recht gut, schwächer wird es dann in der Wachstumsphase, wo auch die Investoren fehlen. Alles in allem passiert hier in der Region aber wirklich viel.

Aus eurer Erfahrung: Welche Tipps würdet ihr Leuten geben, die ein Web-Start-up ins Leben rufen wollen?

Benjamin: Sprecht mit so vielen Leuten wie möglich und vor allem mit euren zukünftigen Kunden. Der größte Fehler von Existenzgründern ist es zu glauben, ihre Idee müsste geheim bleiben und sie dürften niemandem davon erzählen. Redet über eure Ideen! Zweiter Tipp: Fangt an. Nicht groß rumlabern, sondern machen!

Gibt es Persönlichkeiten, die euch beeindrucken? Habt ihr Vorbilder?

Benjamin: Brian Chesky, der Gründer von Airbnb, ist mein ganz großes Vorbild. Er hat sich gefragt, wie es wäre, wenn man seine private Wohnung untervermieten würde. Alle großen Investoren im Silicon Valley haben gesagt: Was für ein Schwachsinn! Chesky und seine Partner versuchten einige Jahre, Airbnb zu pushen, und standen kurz vor der Pleite. Irgendwann ging die Idee doch durch die Decke und alle Investoren kamen angerannt.

Andreas: Mich beeindruckt Hans Zimmer, weil er in Hollywood der einzige angesagte deutsche Filmkomponist ist. Er musste klein anfangen und hat sich durchgesetzt.

Zum Abschluss soll es um eure Ziele und Träume gehen: Was wollt ihr bis wann mit UniCoach erreichen?

Benjamin: UniCoach soll das zentrale Wissensportal für Studenten werden, auf dem die komplette Kommunikation stattfindet. Unser Service soll das Studium spürbar einfacher machen.

Andreas: Und das wollen wir in den nächsten drei bis fünf Jahren erreichen.

Benjamin, Andreas, vielen Dank für dieses Gespräch! Viel Erfolg für euch und UniCoach!

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Mathias Sauermann

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