Medienpsychologie: "Wie viele Jahre hinken wir Google hinterher?"

Fluch oder Segen, Chance oder Risiko – wie blickt die Psychologie auf das Thema Internet? Ich bat eine Expertin um Antworten: ein Interview mit Dr. Astrid Carolus vom Lehrstuhl Medienpsychologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.


Ein medienpsychologischer Blick auf das Internet
(Eye unter CC0 1.0)

Astrid Carolus (32) studierte Psychologie an der Universität des Saarlandes und promovierte in Würzburg. Titel ihrer Doktorarbeit: "Gossip 2.0 – Mediale Kommunikation in sozialen Netzwerkseiten". Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Medienpsychologie und freiberufliche Beraterin.

Ich traf mich mit ihr auf dem Campus Nord der Universität Würzburg – einem ehemaligen US-Militärstützpunkt im Osten der am Main gelegenen, sechstgrößten Stadt Bayerns. Bei einer Tasse Kaffee unterhielten wir uns 70 spannende Minuten lang über das Menschsein im Netz.

Frau Dr. Carolus, was untersucht die Medienpsychologie?
Wir schauen als Psychologen grundsätzlich auf den Menschen und dabei immer auf drei Aspekte: das Denken, das Fühlen und das Verhalten. Als Medienpsychologen schauen wir speziell auf das Denken, Fühlen und Verhalten im Umgang mit Medien. Die Medienpsychologie fragt, was Medien mit uns und was wir mit den Medien machen.


Dr. Astrid Carolus vom Lehrstuhl Medienpsychologie der Universität Würzburg
Dr. Astrid Carolus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Medienpsychologie
der Universität Würzburg.

Was sind die momentanen medienpsychologischen Schwerpunktthemen bezogen auf das Internet?
Mit dem Internet und all den verschiedenen Anwendungen ergaben sich in den letzten Jahren neue Forschungsfelder. Während davor insbesondere das Fernsehen untersucht wurde, fokussierte man in den letzten Jahren zum Beispiel Social Media Anwendungen. Leitfragen sind: Warum nutzen wir diese Medien? Was machen Sie mit uns? Und was machen wir mit ihnen? Verstärkt diskutiert man auch potenzielle Gefahren, zum Beispiel Internet-Sucht oder Cyber-Mobbing. Die Forschung interessiert sich ebenso für neue Technologien wie die Mobile Devices.

Das Internet verankert sich in unserem Alltag, das Prinzip "24/7 online" setzt sich durch. Wie stark trennen wir noch bewusst zwischen online und offline?
Hier entwickelt sich momentan sehr vieles sehr schnell. Werfen wir einen Blick zurück: Früher war es deutlich aufwendiger, online zu gehen. Man musste sich mit einem Modem einwählen und blockierte dadurch die Telefonleitung. Boris Becker fragte einst als Werbefigur “Bin ich schon drin?” (lacht). Früher war die Online-Nutzung auch mit höheren Kosten verbunden…

...kein Vergleich zu heute...
...ganz genau. Heute können wir einfach und problemlos nebenbei online sein, dank Smartphone, Internet-Flat und hoher Übertragungsgeschwindigkeit. Dennoch glaube ich, dass uns die Trennung zwischen online und offline nach wie vor bewusst ist. Wir müssen immer noch ein technisches Gerät bedienen, um online zu gehen, und das müssen wir bewusst tun. Um eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken, reicht es nicht, in die Luft zu sprechen.

Statistik: Anteil der Internetnutzer in Deutschland von 2001 bis 2013 | Statista
Mehr Statistiken findet ihr bei Statista.


Internet und World Wide Web sehen sich in der öffentlichen Meinung immer wieder harscher Kritik ausgesetzt. Warum?

Wenn ein neues Medium und technische Innovation wie das Internet auf der Bildfläche erscheint, löst das bei vielen fast schon reflexartig Skepsis aus. Das galt auch für mittlerweile etablierte Medien: Als wie schlimm wurde das neu aufkommende Privat-Fernsehen in den 80er-Jahren hingestellt? Gehen wir noch weiter zurück und nehmen das Beispiel Bücher: Als sie aufkamen, glaubte man, Frauen das Lesen verbieten zu müssen. Man war davon überzeugt, dass Lesen zu gefährlich sei für Frauen. Heute schütteln wir über so etwas den Kopf (lacht).

Woher kommt diese Skepsis?
Bei technischen Innovationen gibt es eine spezielle Zielgruppe, die Early Adopters [“frühzeitige Anwender” – Anm. d. Verf.]: Sie sind im Mittel jung, gut gebildet, männlich und nutzen neue technische Errungenschaften. Aber sie sind nicht unbedingt gesamtgesellschaftliche Meinungsführer. Meinungsführend in unserer Gesellschaft ist eine ältere Generation, der technische Innovationen zunächst fremd sind.

Welche Folgen hat das?

Ich wage mal eine These: Bei diesen Meinungsführern herrscht eher Unwissenheit über diese Innovationen und daraus resultierend Skepsis. Das wiederum kommunizieren diese Meinungsführer in den Medien, was andere aufnehmen. Das kann zu einer gesellschaftlich weiter verbreiteten Skepsis zum Beispiel gegenüber dem Internet führen.

Schauen wir uns die Chancen und Risiken des Internets aus medienpsychologischer Sicht an. Gibt es psychologisch belegbare Gefahren der Internetnutzung?
Da "das Internet" ja nicht losgelöst vom Offline-Leben stattfindet und auch hier Menschen miteinander agieren, sind durchaus Risiken zu erkennen. Bereits erwähnt hatte ich das derzeit diskutierte Thema des Cyber-Mobbings. Werden Kinder im Netz gemobbt, kann sich das psychisch nachweisbar sehr negativ auswirken.

Wie unterscheidet sich das Cyber-Mobbing vom klassischen Mobbing?
Mobbing an sich ist ein sehr altes Phänomen. Cyber-Mobbing ist im Grunde die gleiche Art von Mobbing wie auf dem Schulhof oder in der Klasse. Unterschied: Der Schulunterricht ist irgendwann am Tag vorbei, die Kinder gehen nach Hause, womit das klassische Mobbing meist endete. Cyber-Mobbing dagegen kennt keine räumlichen oder zeitlichen Grenzen, sondern kann im Internet rund um die Uhr betrieben werden.

Blicken wir zum anderen Pol: Gibt es konkrete und nachweisbare psychische Vorteile der Internetnutzung?
Stichwort soziale Netzwerkseiten: Hier wird etwas geboten, das für uns als Menschen äußerst wichtig ist. Wir sind soziale Wesen, wir können nicht alleine. Facebook bedient genau diese sozialen Bedürfnisse: mit anderen in Kontakt sein, mitbekommen, was der andere macht, auch wenn es nur das Leeren der Müslischale am Morgen ist. Das ist Kontakt, das ist Verbundenheit. Dinge, die sich momentan in unserer Gesellschaft auflösen und die wir in den sozialen Netzwerken wiederfinden. Facebook ermöglicht es uns, sprichwörtlich mit dem Dorf in Kontakt zu bleiben. Psychologisch ist dieser soziale Aspekt für den Menschen fundamental wichtig, auch wenn viele Social-Media-Posts belanglos wirken.

Wobei Offline-Gespräche häufig auch nicht gehaltvoller sind, oder?
Untersuchungen zeigen, dass Zweidrittel unserer Gespräche, die wir von Angesicht zu Angesicht führen, aus Klatsch und Tratsch bestehen. Man hat es nicht wie bei Facebook schwarz auf weiß stehen, aber unsere Offline-Gespräche sind mehrheitlich nicht tiefgründiger als unsere Social-Media-Statusmeldungen.

Der Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch nannte unsere Epoche das "Zeitalter des Narzissmus" – im Sinne einer krankhaften Überbetonung des Ichs. Teilen Sie seine Meinung und falls ja, wie äußert sich das "Zeitalter des Narzissmus" in unser Internetnutzung?
Das Internet bietet uns heute ausgezeichnete Möglichkeiten einer kontrollierteren Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Die Kommunikation im Internet ist zeitversetzt, so können wir sehr gut kontrollieren, wie wir uns darstellen. Wir können sozusagen mit Anlauf witzig sein. Das ist einfacher als in einer Face-to-Face-Situation. Psychologisch gesehen ist das aber nicht neu: Bei einem Date in der Offline-Welt achten wir auch darauf, einen guten Eindruck zu machen, auch hier kontrollieren wir unsere Selbstdarstellung: Wir überlegen uns vorher, was wir anziehen oder wo wir uns treffen. Im Internet ist alles dokumentiert, dadurch entsteht vielleicht der Eindruck, die Selbstinszenierung hätte online drastisch zugenommen.

Werfen wir einen Blick in das Social-Media-Universum: Sie promovierten zu dem Thema "Mediale Kommunikation in sozialen Netzwerkseiten". Kann man den Erfolg Facebooks – über eine Millarde Nutzer – psychologisch erklären?
Das bereits erwähnte Gefühl der Verbundenheit ist hier ganz ausschlaggebend. Diesen Aspekt darf man bei uns Menschen definitiv nicht unterschätzen. Zudem interessiert uns, was andere Menschen, unsere Artgenossen machen. Dieses Bedürfnis bedient Facebook auf absolut geniale Art und Weise. Da wird sich der Mensch auch nicht ändern, diese Bedürfnisse nach Verbundenheit und das Interesse an unseren Mitmenschen werden immer bleiben. Weiterer Punkt: Facebook bedient diese Bedürfnisse ohne technische Hürden. Früher war es technisch sehr aufwendig, sich eine eigene Plattform im Netz zu errichten. Das war einer Minderheit vorbehalten. Facebook dagegen kann jeder nutzen.


Statistik: Anzahl der aktiven Nutzer von Facebook in Deutschland von Januar 2010 bis Januar 2014 (in Millionen) | Statista
Mehr Statistiken findet ihr bei Statista.


In Foren, Kommentaren und Posts kommen mitunter hässliche Seiten zum Vorschein. Es wird beschimpft, beleidigt, gedroht. Fallen diese Menschen auch im Offline-Leben aus dem Rahmen?

Ohne dieses Problem kleinreden zu wollen: Solche Kommentare können nur das abbilden, was in diesen Menschen bereits vorhanden ist. Insofern kommen online wahrscheinlich nur Dinge zum Vorschein, die sich auch in der Offline-Welt zeigen. Würden wir heimlich Stammtische in der Offline-Welt belauschen, würden wir zusammenzucken angesichts dessen, was die Leute von sich geben. Auch das Phänomen der Schweigespirale spielt hier eine Rolle...

...eine Theorie der Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann...
...die besagt, dass die wahrgenommene Mehrheitsmeinung Menschen motivieren kann, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen. Beispiel: In einem Klima öffentlich artikulierter Fremdenfeindlichkeit ist der Einzelne eher bereit, sich selbst fremdenfeindlich zu äußern. Dieses Phänomen können wir auch im Internet beobachten.

Lassen Sie uns zum Schluss noch zwei Internet-Phänomene beleuchten. Zunächst die 90-9-1-Regel: Der Web-Usability-Experte Jakob Nielsen definierte sie 2006. Ausgehend von 100 Personen verhalten sich 90 online passiv, sie konsumieren nur Informationen. Neun kommentieren und teilen. Und nur eine Person erstellt aktiv selbst Inhalte. Was hält die überwältigende Mehrheit vom Mitmachen ab?
Die Regel gilt auch heute noch und führt ein bisschen den Gedanken des Mitmach-Webs ad absurdum, eben weil nur eine Minderheit tatsächlich mitmacht. Wobei ich Facebook ausklammern würde, hier gibt es deutlich mehr aktive User. Bei Formaten wie Twitter, Podcasts, Blogs oder Wikipedia ist es aber tatsächlich so, dass nur eine Minderheit aktiv ist. Psychologisch betrachtet fehlt es der Mehrheit an der Motivation, aktiv mitzumachen. Und es gibt noch zwei weitere Gründe: Vielen fehlt es am technischen Können, um zum Beispiel einen Blog aufzusetzen. Und in manchen Bereichen – zum Beispiel Wikipedia – gibt es Gatekeeper, die gar nicht wollen, dass die breite Masse mitmacht.

Schließlich noch das Stichwort Neuland: Deutschland wird nachgesagt, in digitalen Dingen vorsichtiger und langsamer zu sein als andere Länder. Trifft die These zu und falls ja, gibt es hierfür eine psychologische Erklärung?

Stichwort WLAN-Abdeckung: Bei diesem Punkt ist Deutschland im internationalen Vergleich nicht auf Platz 1, aber auch nicht auf dem letzten Platz. Hier wäre es an der Politik, das Angebot zu verbessern. Das ist die politische Dimension. Zum anderen ist es eine Mentalitätsfrage: In Deutschland sind die gesellschaftlichen Strukturen äußerst etabliert, was auch eine gewisse Trägheit mit sich bringt. Man kann das positiv formulieren und sagen, wir sind beständig.


Neuland: Deutschland und das Internet


Welche Nachteile bringt diese Trägheit mit sich?
Psychologisch bedeutet es auch, dass Veränderungen sehr anstrengend für uns sind. Innovationen haben es dann schwerer. Die Meinungsführer und Entscheider in unserer Gesellschaft sind keine technikaffinen, jungen Leute, sondern Personen, die der Web- und Tech-Welt eher mit Ressentiments und Unwissenheit gegenüberstehen. Wenn dann unsere Kanzlerin auch noch vom Internet als "Neuland" spricht, ist das schon ein wenig unglücklich. Und man kann sich durchaus fragen, wie viele Jahre oder Jahrzehnte wir Google hinterherhinken.

Frau Dr. Carolus, vielen Dank für dieses Gespräch!

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Kommentare

Mathias Sauermann

Mathias Sauermann
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