Start-up-Szene Nürnberg: "Wir wollen eine Top-Plattform für Musiker bieten!"

Ralph Christian Schneider (30) hatte genug von lieblosen Musiker-Plattformen im Netz: Der Nürnberger Schlagzeuger und Lehrer träumte von einem Social Network für Musiker und rief myinstrument ins Leben. Gemeinsam mit David Appler (27), Christian Bauer (32) und Jan Müller (28) verwirklicht er jetzt seinen Traum.

Ich wollte mehr über dieses Nürnberger Web-Start-up wissen und traf mich mit den vier Jungs in einem der schönsten Cafés der Frankenmetropole: dem Salon Regina. In humorvoller Runde unterhielten wir uns 70 Minuten lang über myinstrument, das Web, Nürnberg und natürlich die beste Erfindung in der Geschichte der Menschheit: Musik.

Ralph, was ist myinstrument.info, was können User auf eurer Website machen?

Ralph: myinstrument ist ein Social Network für alle, die Musikinstrumente spielen, herstellen oder verkaufen. Nutzer können kostenlos ein Profil anlegen, Nachrichten schreiben und sich mit anderen Usern vernetzen. Dann gibt es noch vier große, spezielle Features, die auf die Welt der Musiker und Instrumente zugeschnitten sind.


Das myinstrument-Team
Das myinstrument-Team (v.l.): Ralph, Christian, David und Jan.

Was bieten diese vier Specials?

Ralph: Mit der Suche kann man über ein Instrument Leute finden und aktiv nach Musikern Ausschau halten. Das zweite Special ist das Black Board für gut gemachte Kleinanzeigen rund um das Thema Musik, Bands und Instrumente. Nummer drei ist das Forum, unterteilt nach Instrumenten. Nummer vier wird der Custom Shop sein: Hier können kleine, unbekanntere Instrumentenhersteller, die es kaum in den großen Handel schaffen, ihre Instrumente anbieten. Diese können User dann direkt über myinstrument kaufen. Wir wollen all die Services bündeln, die bislang über viele verschiedene Portale verstreut waren.

Wann seid ihr online gegangen?

Ralph: Am 25. Juli 2013 starteten wir mit Version Beta 2.1. Im Herbst haben wir nochmal eine neue Version aufgesetzt. Die aktuelle Version ist seit dem 15. März 2014 online.

David: Das ist eine komplett neu aufgesetzte Version, mit neuem Back-End und Front-End [Teil der Webprogrammierung, der "im Hintergrund" auf dem Webserver ausgeführt wird bzw. "vorne" im Browser zu sehen ist – Anm. d. Verf.].

Wie entstand die Idee zu myinstrument?

Ralph: Die Idee hatte ich bereits 2007. In meiner damaligen Band stieg der Keyboarder aus, weshalb wir Gigs absagen mussten. Wir gingen auf die Suche, machten Aushänge und mussten passiv warten, bis sich jemand meldete. Ich dachte mir damals, dass es viel besser wäre, Musiker aktiv nach dem Instrument suchen zu können. Die Idee zu myinstrument entwickelte sich in den letzten Jahren immer weiter.

Wie kam das Team zusammen?

David: Ralph und ich haben uns über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Ende 2012 erzählte er mir von seiner Idee, ich wollte mich zur selben Zeit als Web-Entwickler selbstständig machen. Das hat perfekt gepasst.

Christian: Ich bin seit einem Jahr dabei. Ich lernte Ralph und David über einen Unternehmensberater für Start-ups kennen. Mein Online-Marketing-Knowhow wurde bei myinstrument gebraucht.

Jan: Web-Entwickler David und ich kennen uns seit Kindheitstagen. Vor einigen Monaten rief er mich an und das klang wie ein Hilferuf. (alle lachen)

David: War es auch (lacht). In Sachen Entwicklung wurde es für eine Person einfach zuviel. Das Portal ist sehr umfassend und hat viele Funktionen. Dementsprechend aufwendig sind Entwicklung und Programmierung.


Die Startseite von myinstrument
Die myinstrument-Startseite.

Wie finanziert sich myinstrument momentan?

Ralph: Die Plattform war lange Zeit eigenfinanziert. 2013 nutzten wir Crowdfunding [Finanzierung durch eine Menge (crowd) von Internetnutzern – Anm. d. Verf.]. Seit diesem Jahr haben wir Business Angels als Investoren. Wir freuen uns sehr über diese solide Finanzierung.

Wie kam der Kontakt zu den Business Angels zustande?

Christian: Über Bekanntschaften und Events hier in der Region Nürnberg. Sie sind auf unser Projekt aufmerksam geworden.

Welche Finanzierungsform strebt ihr für die Zukunft an?

Ralph: In der Beta-Phase wird auf myinstrument alles umsonst sein. Später wollen wir professionellen Musikern eine kostenpflichtige Plus-Mitgliedschaft anbieten, ebenso Händlern und Herstellern. Wir setzen hier, ähnlich wie Xing oder LinkedIn, auf das Freemium-Modell. Eine zusätzliche Einnahmequelle wird der Shop sein.

Christian: Die Hauptfunktionen für Musiker sind und bleiben aber kostenlos. 

Wie haben sich eure Mitglieder- und Nutzerzahlen entwickelt?

Ralph: Derzeit haben wir rund 1000 registrierte Mitglieder. Momentan sind die absoluten User-Zahlen noch nicht so wichtig für uns. Wir wollen die Plattform erst fertig gestalten und danach verstärkt ins Marketing gehen.

Welche (Online-)-Marketing-Disziplinen nutzt ihr, um myinstrument bekannt zu machen?

Christian: In erster Linie Suchmaschinenoptimierung und Suchmaschinenwerbung, um bei Google gut zu ranken. Außerdem etwas Facebook-Marketing und PR. Darüber hinaus sprechen wir natürlich die Musiker direkt bei Events an.


Das myinstrument-Logo.
Das myinstrument-Logo.

Welche Alleinstellungsmerkmale wollt ihr bieten?

Ralph: Die Shop-Anbindung wird ein Alleinstellungsmerkmal sein. Design und Optik sollen auch einzigartig sein: Wir wollen eine stilvolle Plattform anbieten, mit einem künstlerischen Anspruch.

David: Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist das Bündeln verschiedener Services auf einer einzigen Plattform.

Lasst uns über euch sprechen, die Menschen hinter myinstrument: Wie ist euer persönlicher Werdegang?

Ralph: Ich habe Musik und Schlagzeug studiert und anschließend eine Fachlehrerausbildung in Ansbach abgeschlossen. Das Referendariat brach ich dann für myinstrument ab. Ich bin auch als Musikproduzent tätig, unterrichte und gebe Workshops.

Christian: Ich war lange bei hotel.de in Nürnberg im Marketing, berufsbegleitend absolvierte ich die Bayerische Akademie für Werbung und Marketing. Später ging ich als Consultant nach München. Vor eineinhalb Jahren kehrte ich nach Nürnberg zurück und machte mich selbstständig.

Jan: Ich habe es mal mit dem Gymnasium versucht, hat aber nicht funktioniert (alle lachen). Später machte ich eine Ausbildung zum Elektriker und baute für eine Fitness-Studio-Kette Studios im Ausland. Danach machte ich in Nürnberg eine Weiterbildung zum Techniker für Informatik. Bei einer Festanstellung in Fürth lernte ich das Programmieren. Jetzt will ich mich selbstständig machen.

David: Ich habe eine Ausbildung bei der Telekom zum Systemadministrator gemacht. HTML habe ich mir selbst beigebracht. Später holte ich mein Fachabi nach und machte mich als Web-Entwickler selbstständig.

Wie haben Familie, Freunde und Bekannte auf eure Gründung reagiert? Wurdet ihr von allen unterstützt oder gab es auch kritische Stimmen?


Ralph: Bei mir war es anfangs sehr kritisch. Meine Eltern sind nicht sehr internetaffin und haben gar nicht verstanden, was ich vorhabe. Mittlerweile finden sie es aber gut und sehen, dass sich etwas entwickelt.

David: Mein Vater ist auch selbstständig, deshalb hatte er viel Verständnis.

Jan: Ich habe das meinen Leuten noch gar nicht so kommuniziert.

Christian: Tja, Jan, jetzt kann man es online nachlesen! (alle lachen)

myinstrument auf YouTube:



In den letzten 20 Jahren hat sich die Musiklandschaft massiv verändert: Für professionelle Aufnahmen braucht man keine teuren Tonstudios mehr, auch große Labels sind kein Muss mehr. Physische Tonträger verlieren an Boden, viele Bands sind auf exzessives Touren angewiesen, um von ihrer Musik leben zu können. Wie seht ihr diese Entwicklungen?


Ralph: Ein Vorteil ist sicherlich, dass man auch mit wenig Kapital heute passable Aufnahmen hinbekommt. Es gibt viele gute Tools und Open-Source-Software. Und man kann ohne Label im Rücken seine Musik online anbieten.

Was sind die Nachteile?

Ralph: Die Qualität der Demos hat massiv nachgelassen. Nicht jeder, der einen Laptop hat, ist zwangsläufig ein guter Musik-Produzent. Ein weiterer Nachteil ist die geringe Wertschätzung von Musik heutzutage, wozu in meinen Augen auch das Internet und Dienste wie spotify beigetragen haben. Ein Musiker erhält für einen Spotify-Stream extrem wenig Geld, du brauchst 1000 Streams, um einen Euro zu verdienen. Ich appelliere an die Leute: Wenn euch die Musik gefällt, dann kauft euch das Album!

Jan:
Die bestehenden Verhältnisse verändern sich gerade massiv. Freie Verwertungsgesellschaften wie Creative Commons sind auf dem Vormarsch. Es gibt viel freie Musik, ich höre kaum noch Chart-Musik. Ich sehe diese Entwicklungen positiv. Der Musiker hat dank Internet die Chance, seine Musik direkt zu verkaufen. Die ganzen Mitverdiener kann man aus der Wertschöpfungskette raushalten.

Ihr habt Nürnberg zum Sitz eures Unternehmens gemacht. Welche Vorteile bietet die Frankenmetropole einem Web-Start-up? Und was sind ihre Nachteile?

Ralph: Wenn man ein Internet-Business hochzieht, ist der Standort eigentlich egal: Man kann von überall aus großartige Produkte entwickeln. Ein Vorteil Nürnbergs für uns ist der große Bekanntenkreis, den wir hier haben. Wir sind hier verwurzelt.

Christian: Die Szene ist überschaubar, man kommt leichter an Investoren. Die Nürnberger Start-up-Szene ist lebendiger als viele denken. Dank solcher Institutionen wie dem Netzwerk Nordbayern, den Coworking-Spaces oder der Web Week tut sich hier sehr viel.

Ralph: Außerdem gibt es hier das beste Bier! (alle lachen)

David: Ein Nachteil der Region: Ideen aus der Tech-Welt werden eher ausgezeichnet als die aus der Web-Welt.


Die nächtliche Skyline Nürnbergs.
Nürnberg: ein nächtlicher Blick über die 500.000-Einwohner-Stadt.
(Skyline von Nürnberg von Martin Fisch unter CC BY-SA 2.0)

Gibt es Persönlichkeiten der Internet- und Tech-Welt, die euch beeindrucken?

Ralph: Der Microsoft-Gründer Bill Gates ist super. Der hat wirklich für seinen Erfolg geackert. Ebenso die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak. In Deutschland würde ich die Samwer-Brüder und ihr Unternehmen Rocket Internet nennen [Risikokapitalgeber für u.a. StudiVZ, eDarling und Zalando – Anm. d. Verf.].

Christian: Aus der Nürnberger Region muss man die hotel.de-Leute um Heinz Raufer und die Immowelt-Macher nennen.

Jan: Die Linux-Vorreiter Linus Torvalds und Richard Stallman gehören auch dazu.

Zum Abschluss ein Ausblick: Was wollt ihr bis wann mit myinstrument erreichen?

Ralph: Wir wollen den besten Service für Musiker anbieten. Bis Ende 2014, Anfang 2015 wollen wir ein erstklassiges Portal am Start haben. Wir wollen viele User haben, von myinstrument leben können und als Team weiter zusammenwachsen.

Christian: Und wir wollen international durchstarten, dafür bieten wir die Plattform jetzt schon dreisprachig an. Französisch und Russisch werden als nächstes folgen.

Ralph, David, Christian, Jan, vielen Dank für dieses Gespräch! Viel Erfolg und alles Gute!


Update Dezember 2015: myinstrument gibt es leider nicht mehr. Die Jungs haben sich entschieden, die Pforten des Musiker-Portals zu schließen.

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Mathias Sauermann

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