German Accelerator: "Wir lassen deutsche Start-ups den US-Spirit erleben!"

USA und Deutschland, Silicon Valley und Neuland: Globale Web-Erfolgsstorys wie Google oder Facebook werden bislang nur auf der anderen Seite des Atlantiks geschrieben. Das Förderprogramm des German Accelerators will das ändern: Die Initiative schickt deutsche Existenzgründer auf unternehmerische Entdeckungsreise in die Staaten.

Der privat gegründete und von der Bundesregierung geförderte German Accelerator hat drei Stützpunkte in den USA. In Deutschland ist er in München vertreten. Beste Voraussetzungen für ein Interview: In 70 Minuten brachte mich der ICE von Nürnberg in die bayerische Landeshauptstadt.

Nach kurzer U-Bahn-Fahrt erreichte ich das Büro im Stadtteil Schwabing nahe des Englischen Gartens. Hier empfing mich Stefanie Schmitz (32), Projektmanagerin beim German Accelerator. Bei einer Tasse Kaffee erkundeten wir die Web- und Tech-Welt diesseits und jenseits des großen Teiches.

Frau Schmitz, was ist der German Accelerator?
Der German Accelerator ist ein Programm für deutsche Web- und Tech-Start-ups, die wir in die USA schicken. Dort öffnen wir ihnen die Tür zum amerikanischen Markt und vermitteln ihnen Kontakte zu Kapitalgebern sowie Know-how. An der Ost- und Westküste nehmen sich amerikanische Kollegen und Mentoren für jedes Start-up drei Monate Zeit: So lange dauert der geförderte Aufenthalt für je zwei Personen pro Unternehmen.

Stefanie Schmitz vom German Accelerator
Stefanie Schmitz ist Projektmanagerin beim German Accelerator.

Wo in den USA befinden sich die German Accelerator Standorte?
Neben Palo Alto im Silicon Valley und San Francisco haben wir seit Juli auch ein Büro in New York City. Die von einer Expertenjury ausgewählten Start-ups bekommen an allen Standorten Workspace samt technischer Infrastruktur bereitgestellt und lernen das Unternehmer-Netzwerk kennen. Unsere Teilnehmer sollen die US-Gründerszene und -mentalität direkt erleben.

Warum und von wem wurde die Initiative ins Leben gerufen?
2010 flogen Prof. Dr. Dietmar Harhoff – Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation der deutschen Bundesregierung – und der Münchener Investor Dirk Kanngießer ins Silicon Valley. Dort besuchten sie das Plug and Play Tech Center, ein Gründerzentrum für Tech-Start-ups. Das Center hatte verschiedene Länder-Pavillons, aber keinen deutschen. So wurde die Idee zum German Accelerator geboren.

Die Website des German Accelerator
Die Website des German Accelerators.

Wie konnten Sie die Unterstützung der deutschen Bundesregierung gewinnen?
Über das Netzwerk von Prof. Dietmar Harhoff und Dirk Kanngießer. Die Bundesregierung erkannte schnell, wie wichtig ein deutsches Engagement im Silicon Valley ist. Schließlich entschloss sie sich, das Projekt zu finanzieren. Ende 2011 schrieben wir das Programm erstmals aus, im Januar 2012 gingen die ersten drei deutschen Start-ups in Valley – damals noch ins Plug and Play Tech Center nach Sunnyvale.

Wird der German Accelerator von der Bundesregierung komplett finanziert?
Nein, nur zu 90 Prozent. Die verbleibenden zehn Prozent erhalten wir von Wirtschaftspartnern, die uns unterstützen.

Wie verliefen die bisherigen US-Trips der deutschen Start-ups?
Das hängt immer auch von den Zielen des jeweiligen Unternehmens ab. Nicht jeder Gründer sucht einen Wagniskapitalgeber, manche wollen stattdessen ein Tochterunternehmen in den USA gründen, um dort Vertriebs- und Marketing-Büros zu eröffnen. Ein Erfolgsbeispiel: Es flossen Wagniskapital-Summen von acht und zwölf Millionen Dollar – um die Erfolgsgeschichte des Kölner Big-Data-Dienstleisters ParStream zu nennen. Viele Accelerator-Alumni haben jede Menge neue US-Kunden gewonnen.

Welche Unternehmen nutzen momentan das Programm?
Zum Beispiel der Crowdsourcing-App-Anbieter Streetspotr sowie der Datenanalyse-Dienstleister Exasol, beide aus Nürnberg. Weiterhin der Präsentations-Tool-Anbieter Slidepresenter aus Frankfurt sowie der Münchener SEO-Dienstleister OnPage.org.


German Accelerator Standort Silicon Valley
Ein US-Standort des German Accelerators: Das Silicon Valley in Kalifornien.
(Silicon Valley from above von Patrick Nouhailler unter CC BY-SA 2.0)

Wie oft fördern Sie wie viele Start-ups?
Jährlich wählen wir über 25 Unternehmen aus. Diese werden auf die Quartale verteilt. Pro Jahr gibt es zwei Bewerbungsrunden. Einige Teilnehmer können ihren Aufenthalt verlängern, wenn sie dies gegenüber dem German Accelerator überzeugend begründen können.

Wie können sich die Existenzgründer bewerben?
Bewerbungen können ganz einfach online eingereicht werden. In der Bewerbungsmaske reichen interessierte Gründer ihren Businessplan ein, auch gerne ein kurzes Video, das nicht aufwendig produziert sein muss. Die Bewerber beantworten einige Fragen zu ihrer Geschäftsidee. Unsere Jury prüft die Bewerbungen. Nach einer positiven Bewertung folgen Skype-Interviews mit ausgewählten US-Mentoren. Meistern die Bewerber auch das erfolgreich, werden sie in einem dritten Schritt persönlich eingeladen, um live vor der Expertenjury zu präsentieren.

Wann endet die aktuelle Bewerbungsfrist?
Die aktuelle German Accelerator Bewerbungsrunde für die nächste Ausschreibung im ersten Halbjahr 2015 läuft bis zum 27. August 2014. Die Gewinner werden auf unserem Groß-Event "Celebrating Innovation" am 9. Oktober 2014 in Stuttgart bekanntgegeben.


German Accelerator Standort San Francisco
Ein weiterer US-Standort des German Accelerators: San Francisco.
(Golden Dawn Bridge - HDR von Nicolas Raymond unter CC BY 2.0)

Was müssen die Unternehmen mitbringen, damit eine Bewerbung erfolgversprechend ist?
Gute Chancen haben vor allem Bewerber, die bereits ein "Proof of Concept" [Machbarkeitsnachweis einer Geschäftsidee – Anm. d. Red] vorweisen können. Daran sieht die Jury, dass diese Teams schon an ihrem Produkt gearbeitet und womöglich erste Kunden haben. Es gibt aber auch Ausnahmen, zum Beispiel wenn junge Unternehmen ein Spitzenprodukt entwickelt haben, auf das der amerikanische Markt sofort anspringt. Der Einstieg in das Accelerator-Programm besteht aus einer gründlichen Überprüfung des Businessplans: Welches Produkt steckt dahinter, hat es Potenzial? Haben die Idee oder das Produkt auf dem US-Markt und darüber hinaus eine Chance? Bringen die Gründer den nötigen unternehmerischen Spirit mit?

Wer entscheidet, ob ein Unternehmen ins Silicon Valley, nach San Francisco oder nach New York geht?
Früher hieß es, die Westküste sei sehr techfokussiert. In New York verortete man dagegen Fashion, Design und Medien. Das hat sich mittlerweile verschoben, Fashion und Design findet man vereinzelt auch im Silicon Valley. Einer unserer Teilnehmer, die Berliner Bandplattform Stagelink, hatte sich für das Valley beworben, wurde von uns aber nach New York geschickt. Die Teilnehmer können einen Wunschstandort nennen, mit der Jury wird dann gemeinsam entschieden, wo es hingeht. Es ist auch möglich, während des USA-Aufenthalts den Standort zu wechseln.


German Accelerator Standort New York
US-Standort Nr. 3 des German Accelerators: New York City.
(New York from the Top of the Rock von Tony Fischer unter CC BY 2.0)

Wie wird der Aufenthalt in den USA finanziert?
Die Programmkosten übernimmt der German Accelerator komplett. Die Gründer müssen den Flug bezahlen sowie die Lebenshaltungs- und Visa-Kosten übernehmen. Wir haben ein Alumni-Netzwerk, der Networking-Gewinn geht weit über die drei bis sechs Monate des USA-Aufenthalts hinaus.

Bitte beschreiben Sie uns die ersten Wochen des Programms.
Vor der Abreise gibt es bereits in Deutschland einen Kick-Off-Workshop. Hier können sich die Start-ups kennenlernen und grundsätzliche Fragen zum USA-Aufenthalt klären: Wo komme ich unter, wie bekomme ich einen passenden Smartphone-Tarif, ganz alltägliche Fragen. In den USA angekommen besucht der Gründer zunächst unser so genanntes Bootcamp – hier erwarten ihn Workshops und Seminare, die für einen gelungenen Start außerordentlich wichtig sind. Darüber hinaus gibt es erste Gespräche mit dem Lead-Mentor und weitere Veranstaltungen wie zum Beispiel den "Social Mixer", bei dem alle Mentoren und Gründer zusammengeführt werden.

Wie misst der German Accelerator seinen Erfolg?
Da wir durch Steuergelder finanziert werden, tracken wir unseren Erfolg natürlich sehr genau. Die jüngste Evaluation fiel sehr positiv für uns aus. Kennzahlen sind zum Beispiel der Personal- und Kundenzuwachs der Start-ups oder die Zahl der gegründeten Tochterunternehmen in den USA. Unser Ziel ist es, bei gleichbleibend hoher Qualität immer mehr deutsche Existenzgründer unterstützen zu können.

Video: Der German Accelerator auf Vimeo




Investoren aus dem Silicon Valley kritisieren Deutschland als innovationsängstlich. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Deutschland brachte im letzten Jahrzehnt sicherlich keine großen Tech-Innovationen hervor. In den 90er-Jahren aber durchaus, zum Beispiel den MP3-Player. Deutschland ist sehr innovativ – nur leider auch sehr risikoavers und zurückhaltend. In der Tierwelt würde man von einem Pfau sprechen, der nicht gern sein Federkleid zeigt.

Heißt: Deutschlands Marketing in eigener Sache ist zu schwach?
Genau. Der Amerikaner zeigt hingegen gern sein Federkleid, er präsentiert auch das, was noch nicht fertig ist. Das kann Deutschland noch nicht. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Gründerzentren, Entrepreneurship Center und andere Institutionen ebnen den Weg. In jeder deutschen Stadt entwickeln sich mittlerweile Plattformen, die Innovationen vorantreiben.

Wie zukunftsfähig schätzen Sie die deutsche Wirtschaft ein?
Ich sehe viele sehr gute Chancen. Wir sind Exportweltmeister und große deutsche Konzerne erkennen die wichtigen Trends: VW zum Beispiel treibt die Verknüpfung von Auto und Datennetzen stark voran. Auch andere etablierte Unternehmen holen sich externes Know-how ins Unternehmen, indem sie mit Start-ups kooperieren. Deutschland gelingt es immer besser, das Unternehmertum zu fördern. Die Botschaft sollte lauten: Es ist ok, dass du gründest, es ist auch ok, wenn du dabei scheiterst. Wir unterstützen dich.

Frau Schmitz, vielen Dank für dieses Gespräch!

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Mathias Sauermann

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