Innovatives Nürnberg: "Wir wollen den Standort stärken!"

Zurück in die Zukunft: Mitte Mai öffnete die Innovationsschmiede JOSEPHS ihre Pforten in der Nürnberger Innenstadt. Der offene Raum mit Café lädt alle Bürger ein, Produkte und Services von Unternehmen spielerisch zu testen – und das auf Hightech-Niveau. Mit ein paar Fragen im Gepäck wagte ich den Zeitsprung.

Die Service-Manufaktur JOSEPHS befindet sich direkt gegenüber der Nürnberger Saturn-Filiale am Weißen Turm – wenige Meter von der Fußgängerzone entfernt. Hier traf ich mich mit Projektleiterin Heike Karg (36): Knapp eineinhalb Stunden lang unterhielten wir uns bei einem Cappuccino über das JOSEPHS, Nürnberg und die Produkte der Zukunft.

Offenes Labor und Innovationsschmiede: Das Josephs in Nürnberg
Die fünf Testinseln der JOSEPHS-Themenwelt "Kreativ mit Hand und Fuß".
(© Kurt Fuchs/Fraunhofer SCS)

 
Frau Karg, die aktuelle Themenwelt im JOSEPHS heißt "Kreativ mit Hand und Fuß" und läuft noch bis zum 29. Juli. Welche Unternehmen sind vertreten und welche Produkte und Services können die Besucher testen?
Fünf Firmen nutzen derzeit das JOSEPHS: Das Unternehmen Jaimie Jacobs ermöglicht es Besuchern, mit wenigen Mausklicks ihren Traumschuh selbst zu designen. Die mifitto GmbH bietet einen 3D-Scanner, der Füße vermisst, unter anderem mit dem Ziel, risikolos im Online-Handel in der richtigen Größe bestellen zu können. Amoonic ist Deutschlands größter Online-Juwelier für individualisierbaren Echtschmuck. Die Kinderschuhmarke Skribbies bietet bemalbare Kinderturnschuhe. Und die bayern design GmbH unterstützt alle Designaktivitäten bayerischer Unternehmen und stellt einige davon im JOSEPHS vor.

Wann startet die nächste Themenwelt und wie heißt sie?

Die nächste Themenwelt lautet "Rund um die Box" und beginnt am 2. August.

Gibt es Zugangsbeschränkungen oder kann jeder das JOSEPHS spontan betreten?
Jeder kann uns jederzeit während der Öffnungszeiten besuchen und die Testinseln ausprobieren. Völlig kostenlos und unverbindlich.

Wer betreibt das JOSEPHS?
Initiatoren sind der Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik I der Universität Erlangen-Nürnberg und die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services. Eine Motivation war es, Nürnberg als Dienstleistungsstandort zu stärken. Das ist auch eine Reaktion auf die wirtschaftlichen Rückschläge der Region, zum Beispiel die Pleiten von Quelle, Grundig und AEG.

Josephs-Projektleiterin Heike Karg
JOSEPHS-Projektleiterin Heike Karg.

Wie finanziert sich das Projekt?
Wir werden vom bayerischen Wirtschaftsministerium gefördert. Zusätzliche Einnahmen bringen uns die teilnehmenden Unternehmen: Die Nutzung unserer Testinseln kostet monatlich zwischen 8000 und 20.000 Euro.

Woher kommt der Name?
Namensgeber ist der deutsche Optiker und Physiker Joseph von Fraunhofer [1787-1826 – Anm. d. Red.], nach dem auch die Fraunhofer-Gesellschaft benannt ist.

Wie fiel die Resonanz bislang aus?
Wir sind mit den Besucherzahlen zufrieden. Natürlich wollen wir noch mehr Besucher, geben uns aber die dafür nötige Anlaufzeit. Wichtiger als die Quantität ist uns die Qualität: Die Menschen sollen sich mit den Testinseln beschäftigen und sich Zeit nehmen.

Aus Unternehmenssicht: Welche Produkte und Dienstleistungen können getestet werden und welche nicht?
Wir haben keine Grenzen gesetzt. Beschränkungen ergeben sich erst, wenn man ins Detail geht, also zum Beispiel ein Aufbau einfach zu groß ist für unsere Räume. Oder wenn jemand zehn Forschungsfragen auf drei Quadratmetern beantworten will. Grenzen gibt es anfangs aber erstmal keine.

Wie gewinnen Sie die teilnehmenden Unternehmen?
Wir kontaktieren die Unternehmen der Nürnberger Region und stellen ihnen das JOSEPHS vor. Unsere Themenwelten laufen immer drei Monate und sind nicht vorab festgelegt. So können wir flexibel auf die Wünsche von Unternehmen reagieren. Seit es uns "zum Anfassen” gibt und wir bekannter werden, kommen Unternehmen immer öfter auf uns zu.

Offenes Labor und Innovationsschmiede: Das Josephs in Nürnberg
Die Tablets dienen im JOSEPHS als Informationsquelle und Fragebogen.
(© Kurt Fuchs/Fraunhofer SCS)

Wie legen Sie mit den Unternehmen fest, welche Daten in welchem Umfang in welchem Zeitraum erhoben werden?
Meine Kollegen aus der Forschung setzen sich mit den Unternehmen zusammen, gemeinsam überlegt man dann, welche Fragen beantwortet werden sollen. Das passiert in Workshops. Dann werden die räumlichen und technologischen Möglichkeiten diskutiert.

Wie messen Sie welche Daten?
Unsere Software misst die Daten der Besucher völlig anonym: Zum Beispiel das geschätzte Alter oder die emotionalen Reaktionen beim Testen. Hierfür werden die Gesichtsausdrücke mithilfe unserer Technologie analysiert. Vereinzelt befragen wir die Besucher auch. Die anonymen Daten werden gesammelt und später ausgewertet.

Was bieten Sie abseits der Testinseln?
Wir bieten momentan die Reihe "Offene Denkfabrik". Dafür holen wir Referenten ins Haus, zum Beispiel für den Event "Google Glasses live erleben". Außerdem bieten wir Service-Design-Workshops. Bei allen Veranstaltungen gilt: Jeder kann reinkommen und mitmachen.

Kann man im JOSEPHS auch Räume anmieten?
Ja, die Stadt Nürnberg war zum Beispiel hier, um ihren Wirtschaftsbericht vorzustellen. Und verschiedene Unternehmen haben bereits angefragt, ob sie Serviceschulungen oder Workshops in unserer Denkfabrik durchführen können. Wir vermieten unsere Räume aber nicht an jeden: Verkaufsshows wird es bei uns nicht geben.

Unternehmen haben den Vorteil, Ideen und Produkte testen zu können. Was sind die Vorteile aus Besuchersicht?
Besucher erleben bei uns neue Produkte und Dienstleitungen und sie werden gehört: Ähnlich wie in Online-Communitys können sie Produkte bewerten und aktiv durch ihre Meinung mitgestalten.

Sie analysieren die Gemütszustände der Besucher. Wie funktioniert das?
Unsere Software erfasst die Schatten im Gesicht sowie die Grundmimiken. Es werden keine Nuancen erkannt, dafür aber zum Beispiel ein herzhaftes Lachen. Glücklich, traurig, überrascht und verärgert – diese Grundemotionen kann das Programm erkennen.

Offenes Labor und Innovationsschmiede: Das Josephs in Nürnberg
Eine JOSEPHS-Testinsel vermisst Füße mittels eines 3D-Scanners.
(© Kurt Fuchs/Fraunhofer SCS)

Sie teilen sich die Räume mit einer Filiale der Nürnberger Coffeeshop-Kette Mr. Bleck. Wie kam es dazu?
Wir wollten ein Gesamterlebnis schaffen. Mr. Bleck ist unser Untermieter, außerdem bieten wir einen Gadget-Shop zusammen mit den Comic-Experten von Ultra Comix. Erleben, entspannen, lesen, Kaffee trinken, Produkte testen, Events erleben – das ist unser Gesamtkonzept.

Das JOSEPHS ist auch eine Reaktion auf die wirtschaftlichen Schicksalsschläge Nürnbergs: Die Firmenpleiten und Werksschließungen von Quelle, AEG und Grundig trafen die Region hart. Was glauben Sie: Warum tut sich der Wirtschaftsstandort Nürnberg mitunter schwer?
Ich persönlich glaube, dass Nürnberg stark geprägt war durch das produzierende Gewerbe und dessen Mitarbeiter. Der Wegfall dieser großen Leuchttürme stellt Nürnberg vor neue Herausforderungen, nämlich den Gang weg vom Produktions- hin zum Servicestandort. Dies erfordert ein Umdenken bei den Unternehmern und den Mitarbeitern und eine Anpassung des Angebots und der Qualifikationen. Das ist meine persönlich Einschätzung als Neu-Nürnbergerin.

Wenn Sie die ersten Wochen im JOSEPHS betrachten: Was waren die Highlights? Und was kann sich noch verbessern?
Die Eröffnung war ein großes Highlight. Es war eine große Herausforderung, in zwei Monaten alles umzubauen, fertigzustellen und die Deadline einzuhalten. Es war eine gigantische Eröffnung mit ganz viel Gänsehautmomenten. Ein weiteres Highlight war das Presse-Echo: Bayerischer Rundfunk, Süddeutsche Zeitung, Bild-Zeitung, lokale Medien, alle waren da. Und im Event-Bereich war die Google-Glasses-Präsentation ein echtes Glanzlicht.

Was wünschen sich sich für die Zukunft des Projekts?
Wir wollen mehr Besucher anlocken, die Menschen sollen uns entdecken und gerne wiederkommen. Und natürlich wollen wir nach dem ersten Förderzeitraum von drei Jahren weitermachen können.

Frau Karg, vielen Dank für dieses Gespräch!

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Mathias Sauermann

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