Tolle Texte: 5 Tipps für eine flotte Online-Schreibe

Texten ist Talent – aber auch Handwerk. Beherzigt ein paar Regeln und euer Schriftdeutsch verbessert sich deutlich. Fünf Tipps, wie ihr aus Sätzen Pfeile macht.

Die deutsche Sprache klingt oft umständlich und verkopft. Viele glauben: Wer sich hochgestochen und umständlich ausdrückt, wirkt intelligent und gebildet. So entstanden Akademiker- und Beamtendeutsch.

Bis heute verfolgt mich der sperrige Titel meiner Diplomarbeit:

"Sprachlenkung im Dritten Reich unter Berücksichtigung der Instrumentalisierung der Presse"

Und hier ein abschreckendes Beispiel aus deutschen Amtsstuben:

"Bedingt durch die Einführung der elektronischen Lohnsteuerabzugsmerkmale und den damit verbundenen erhöhten Publikumskontakten kommt es bei der Bearbeitung von Einkommensteuererklärungen von Arbeitnehmer/innen und Rentner/innen zu längeren Wartezeiten."

...Hilfe!

Der ideale Satz strebt vorwärts wie ein Pfeil
"Der ideale Satz strebt vorwärts wie ein Pfeil." (Zitat Wolf Schneider)
(Cupid's arrow? von Martin Fisch unter CC BY-SA 2.0)

Textertipp 1: Vermeidet den Nominalstil

Der Nominalstil verzichtet auf Vollverben. Er nutzt stattdessen Substantive, die von Verben und Adjektiven abgeleitet werden. Ihr erkennt ihn zum Beispiel an den Endungen -ung, -heit und -keit: Benachteiligung, Betroffenheit, Verfügung, Wirksamkeit ... .

Der Nominalstil wirkt leblos, starr und bürokratisch. Ihm gegenüber steht der Verbalstil: Er bevorzugt Verben und lässt Sätze leben und atmen.

Wikipedia stellt beide Stile gegenüber:

(-) Nominal: Die Weigerung des Ministers führte zu Streit in der Koalition.
(+) Verbal: Der Minister weigerte sich, was die Koalitionäre streiten ließ.

(-) Nominal: Ich habe in Erwägung gezogen, eine Messung durchzuführen.
(+) Verbal: Ich habe erwogen, zu messen.

(-) Nominal: Die Inaugenscheinnahme des Betriebes war nötig.
(+) Verbal: Es war nötig, sich den Betrieb anzuschauen.

Nutzt den Verbalstil und lasst eure Sätze atmen.

Textertipp 2: Achtet auf die Satzlänge

Unser Gehirn ist faul: Es will Energie sparen und sucht immer den einfachsten Weg. Achtet auf eure Satzlänge, denn zu lange Sätze ermüden den Leser.

Ich nenne ausufernde Satzmonster gerne "Thomas-Mann-Sätze". Warum? Der Meister selbst gibt die Antwort mit dem ersten Satz seines Romans "Doktor Faustus":

"Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiss sehr vorläufigen Biographie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musikers einige Worte über mich selbst und meine Bewandnisse vorausschicke."

Jemand eingeschlafen? Auf Twitter hätte Herr Mann absolut keine Chance ;-). Tipp: Formuliert eure Sätze knackig und präzise. Eure Leser werden es euch danken.

Thomas Mann
Kein Fan von kurzen Sätzen: Thomas Mann (1875-1955).
(Thomas Mann von Arturo Espinosa unter CC BY 2.0)

Textertipp 3: Aktiv- statt Passivformen

Auch Passivformen bremsen den Text und lassen ihn sperrig erscheinen. Aktivformen lassen Sätze leben und atmen.

(-) Passiv: Dem Schüler wurde das Handy vom Lehrer abgenommen.
(+) Aktiv: Der Lehrer nahm dem Schüler das Handy ab.

(-) Passiv: Dieser Text wurde von mir geschrieben.
(+) Aktiv: Ich habe diesen Text geschrieben.

Formuliert eure Sätze aktiv.

Textertipp 4: Reduziert Fremdwörter

Sehr viele Fremdwörter haben deutsche Alternativen, die bestens funktionieren und die alle verstehen. Bitte immer beachten: Mit Fremdwörtern ist es wie mit Englischkenntnissen, die breite Masse versteht oft nur Bahnhof.

Weiteres Argument für die deutschen Alternativen: Je mehr Kopfkino euer Text bietet, desto besser. Mit Fremdwörtern funktioniert das nicht, sie lösen weniger Bilder im Kopf aus als deutsche Begriffe.

"Das Panoptikum tangierte mich nur peripher, da ich es für obsolet erachtete und ihm eine gewisse Dekadenz attestieren musste."

Yes! Wenn ihr wollt, dass 85 Prozent eurer Leser einschlafen oder entnervt euren Text in die (digitale) Tonne kloppen, dann schreibt so. Wollt ihr aber, dass eure Leser euch verstehen, müsste der obige Satz lauten:

"Die Ausstellung interessierte mich nicht, da sie altmodisch und heruntergekommen auf mich wirkte."

Textertipp 5: Vorsicht bei Bedeutungsklammern

Der Leser soll einen Satz schnell verstehen können. Zu lange Bedeutungsklammern erschweren das:

"Peter schlug Markus, dem Schwager seines Friseurs, welchen er am Tag zuvor besucht hatte, um sich die Haare schneiden zu lassen, ..."

...auf die Nase, auf die Schulter, beim Schach, in seinen Bann?

"Peter schlug Markus, dem Schwager seines Friseurs, welchen er am Tag zuvor besucht hatte, um sich die Haare schneiden zu lassen, vor, abends ein Bier trinken zu gehen."

Die eigentliche Satzaussage "Peter schlug Markus etwas vor" ist auseinandergerissen. Der Leser kann den Sinn erst sehr spät richtig erfassen. Bevor ihr solche Ungetüme bastelt, entzerrt das Ganze:

"Peter schlug Markus vor, abends ein Bier trinken zu gehen. Markus war der Schwager von Peters Friseur, den Peter am Tag zuvor besucht hatte. Er wollte sich die Haare schneiden lassen."

Tolle Texte – online wie offline

Die genannten Tipps gelten natürlich auf für den Offline-Bereich. Sie sind in der Online-Welt aber besonders wichtig: Am Bildschirm lesen User nicht, sie scannen. Deshalb müssen eure Online-Texte besonders verständlich und leicht erfassbar sein.

Wolf Schneider: Attraktive Texte
Buchtipp!

Soweit meine fünf Textertipps. Da geht noch viel mehr: Wenn ihr euer Schriftdeutsch umfassend verbessern wollt, empfehle ich euch den Klassiker, den zeitlos guten Wolf Schneider und sein Buch "Deutsch! - das Handbuch für attraktive Texte".

Bitte unbedingt lesen und verinnerlichen, er ist und bleibt der Beste!

Und die Moral von der Geschicht'? Der intelligente Schreiber scheut die leicht verständliche Sprache nicht. Macht aus euren Sätzen Pfeile. Viel Erfolg! ;-)

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Mathias Sauermann

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