"Citizenfour": Was bietet die Edward-Snowden-Doku?

Anfang 2013 erhält die US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras eine verschlüsselte E-Mail. Inhalt: brisante Informationen über illegale Abhöraktionen ihres Heimatlandes. Absender: der 29-jährige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden. Sein Mail-Pseudonym: Citizenfour.

Im Juni 2013 fliegt Poitras gemeinsam mit den Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill nach Hongkong, um Snowden zu treffen – der Startschuss für die Aufnahmen zum Film "Citizenfour".

"Citizenfour": Programmkino statt Big Picture


Die Edward-Snowden-Doku "Citizenfour"

Zurück nach Mittelfranken: Big Picture? Nicht wirklich. Ich musste etwas recherchieren, um ein Kino in Nürnberg zu finden, das den Film zeigt.

Bei den großen Filmtempeln wurde ich nicht fündig, wohl aber beim kleinen, aber feinen Filmhaus im Künstlerhaus (zwischen 1973 und 1997 unter dem Namen "KOMM" eine Anarcho- und Künstlerhochburg, seit 1997 unter städtischer Fittiche).

Film ab!

Was bietet "Citizenfour"?

Die Doku ist packend, intensiv, beklemmend, bewegend und spannend.

Regisseurin Laura Poitras gelingt es, den Zuschauer direkt teilhaben zu lassen am Bekanntwerden eines gigantischen Abhörskandals – und dem persönlichen Schicksal des Whistleblowers Edward Snowden.

Anfangs sind es geheime Treffen in einem Hotel in Hongkong. Snowden berichtet der Filmemacherin und den beiden Journalisten, was er weiß, er schildert das riesige Ausmaß der weltweiten Abhöraktionen durch US-amerikanische und britische Geheimdienste.

Snowden betont mehrfach, dass er an die Öffentlichkeit gehen will – mit allen Konsequenzen und Risiken, wohlwissend, dass es für ihn ein Leben auf der Flucht bedeuten wird. Während der gesamten Aufnahmen strahlt er eine scheinbar stoische Ruhe aus.

NSA-Affäre: erschreckendes Ausmaß

Auch wenn es die Medien mittlerweile weitestgehend dokumentiert haben: "Citizenfour" macht dem Zuschauer nochmals massiv bewusst, wie umfassend die Spähaktionen der Amerikaner und Briten waren (und vermutlich immer noch sind):

➧ Unzählige Server werden angezapft,

➧ ganze Telekommunikationsunternehmen zur Datenherausgabe gezwungen,

➧ Big Player wie Google, Yahoo, Apple oder Skype kurzerhand zur "Mitarbeit" verpflichtet.

Was ist Snowdens Motivation?

Die unbewussten Beweggründe des Whistleblowers kann man nur erahnen. Weder wirkt er wie ein narzisstischer Selbstdarsteller, der als Held in die Geschichtsbücher eingehen will – noch scheint er ein übermäßig gewissenhafter Gutmensch zu sein.

Er selbst bringt seinen Antrieb so auf den Punkt: Aus Wählern (Volk) seien Unterdrückte geworden, aus den Gewählten (Regierung) Unterdrücker. Die Demokratie sei ad absurdum geführt worden.

Blutdrucksteigernde NSA-Affäre

Während sich die Ereignisse im Film zuspitzen, steigt auch der Puls des Zuschauers:

6. Juni 2013: Die britische Zeitung "Guardian" sowie die "Washington Post" veröffentlichen erste Snowden-Informationen.

9. Juni 2013: Der "Guardian" enthüllt Snowdens Identität. In einem Video spricht er über die Hintergründe.

13. Juni 2013: Das FBI stellt Strafanzeige gegen Snowden. Anklagepunkte: Diebstahl von Regierungseigentum, widerrechtliche Weitergabe geheimer Informationen, Spionage

23. Oktober 2013: Spiegel Online meldet, US-Geheimdienste hätten das Handy von Kanzlerin Angela Merkel abgehört.

Zwischenzeitlich wird bekannt, dass die britische Regierung die Redaktion des "Guardian" zwang, Festplatten mit Enthüllungsmaterial zu zerstören.

Hautnah erlebt der Zuschauer, wie Snowdens Leben innerhalb weniger Tage auf den Kopf gestellt wird: Aus dem IT-Experten, der mit seiner Freundin ein beschauliches Leben auf Hawaii führte, wird ein globaler Flüchtling, den es schließlich nach Moskau verschlägt.

Für einen kurzen Moment freut man sich für und mit Snowden, als seine Freundin nach Moskau kommt, um ihr Leben an seiner Seite zu verbringen – trotz der mehr als widrigen Umstände.

Was ich Edward Snowden wünsche

Ich bin kein Jurist. Inwieweit Snowden objektiv (nicht moralisch) Straftaten begangen hat und deshalb verurteilt werden müsste, kann und will ich nicht beurteilen.

Aber ich bin Humanist. Und als solcher wünsche ich Edward Snowden von ganzem Herzen, dass er sein Leben in Freiheit und Sicherheit verbringen kann.

Frage: Ist "Citizenfour" sehenswert?

Antwort: Ja, definitiv!




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Mathias Sauermann

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