DNI: Rettet oder tötet Google den Journalismus?

Gemeinsam mit namhaften Medienverlagen startete Google Ende April die Digital News Initiative (DNI): 150 Millionen Euro investiert der Suchmaschinenriese in den digitalen Qualitätsjournalismus. Publizistische Chance oder journalistische Apokalypse?


Die Google-Deutschlandzentrale in Hamburg.
Der Eingangsbereich der Google-Deutschlandzentrale in Hamburg.
(Google Deutschland Hamburg von Thomas Cloer unter CC BY-SA 2.0)

"Die Zukunft des europäischen Journalismus" lautet die inoffizielle Überschrift der Kooperation. Wie immer in Sachen Google scheiden sich die Geister: Während die einen eine echte Chance für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Online-Journalismus sehen, wittern andere Lobbyismus, Schönwetter-PR oder gar Unterwanderung.

Vorschlag: Lassen wir die Fakten sprechen.

Digital News Initiative: Wer macht mit?

Bislang unter anderem dabei:
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Die Zeit
  • Der Spiegel
  • Süddeutsche Zeitung
  • Neue Züricher Zeitung
  • Financial Times
  • The Guardian
Google betont: Die Initiative sei "für jeden in Europa offen, der sich in der Nachrichtenbranche engagiert".

DNI: Wer bekommt das Google-Geld?

Nicht die Mitglieder. Das Geld bildet einen Pool, der digitale Medienprojekte fördern und Journalisten fortbilden soll. Was wie hoch finanziert wird, entscheiden Google und die beteiligten Verlage gemeinsam.

Bewerben können sich unter anderem Verlage und IT-Startups – eine DNI-Beratergruppe beurteilt die Bewerbungen. In Hamburg, London und Paris werden Google-Mitarbeiter außerdem Journalisten weiterbilden.

Ein Projekt, das DNI finanzieren wird, ist der >Reuters Institute Digital Report. Er untersucht unter anderem, wie Internetnutzer weltweit Nachrichten konsumieren.

Google-News-Initiative: Springer grätscht rein

Der Axel-Springer-Verlag (unter anderem BILD, Die Welt, finanzen.net) ist einer der schärfsten Google-Kritiker. Entsprechend harsch fällt das Springer-Urteil über DNI aus:


Dieser Kommentar des ehemaligen Piraten-Politikers und jetzigen Springer-Mitarbeiters löste im Netz eine Hämewelle aus: "Wessen Brot ich fress', dessen Lied ich sing'" war auf Twitter & Co. noch eine der freundlicheren Reaktionen.

An destruktivem Bashing will ich mich nicht beteiligen. Stattdessen lautet mein konstruktiver Appell: Erkennt die Google-Chance und nutzt sie!

Ein Risiko namens Informationsmangel

Auflagen sinken und Redaktionen schließen: Der Journalismus weiß, dass seine Zukunft nur online stattfinden kann. Problem: Hier verdient er (noch) deutlich weniger als in den Hochzeiten der Print-Ära.

Hauptgrund: Das News-Angebot im Netz ist größtenteils kostenlos. Für den gedruckten Journalismus dagegen muss der Leser löhnen. Folge: Hochwertiger Online-Journalismus droht zum Verlustgeschäft zu werden.


Wie kann sich Journalismus künftig finanzieren?
Ein Zitat des US-Internet-Experten Clay Shirky.
(Journalism von Ron Mader unter CC BY-SA 2.0)

Warum das gefährlich ist? Ein paar Stichworte:
  • NSA
  • WikiLeaks
  • Watergate
  • Spiegel-Affäre
  • Abu-Ghuraib
  • Barschel-Affäre 
  • Diverse Korruptions-, Menschenrechts- und Verbraucherschutz-Skandale
Solche Enthüllungen waren nur dank Redaktionen möglich, die das nötige Kapital hatten: um zu recherchieren und Mitarbeiter gegebenenfalls quer über den Globus zu schicken.

Fehlt dieses Kapital, weil der Umsatz digital nicht mehr zu erwirtschaften ist, bezahlen wir das mit einem gefährlichen Informationsmangel.

Warum der Journalismus Profis braucht

Journalismus ist Handwerk: Recherche und Gegenrecherche, Sorgfaltspflicht, kritische Distanz, Objektivität – Journalismus gilt als >vierte Gewalt im Staat, mit seiner Hilfe sollen wir uns als Bürger eine Meinung bilden können.

Dass nicht zwangsläufig jeder ausgebildete Journalist auch ein guter ist, steht auf einem anderen Blatt. Andersherum wird aber auch kein Schuh daraus: Hobby-Journalismus kann kein Qualitätsjournalismus sein. 

Fakt ist: Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist ein Grundpfeiler einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Deshalb braucht er Profis und muss sich auch künftig finanzieren können...

...und deshalb ist Googles Digital News Initiative in meinen Augen eine große Chance: Um gemeinsam (!) mit einem Digitalprofi Wege zu finden, den Qualitätsjournalismus auch im Web-Zeitalter überlebensfähig zu machen.


Was Journalismus kann und muss.
(journalism’s public service functions von Ron Mader unter CC BY-SA 2.0)

Wie gefährlich ist Google für den Journalismus?

Ich möchte die Pseudo-Debatte um das >Leistungsschutzrecht nicht befeuern. Nur soviel:

➧ Google liefert deutschen News-Seiten immens viele Website-Besucher.

➧ Ein zweizeiliges Snippet (rund 156 Zeichen inklusive Leerzeichen) als "Content-Klau" zu bezeichnen, ist – mit Verlaub – Mumpitz.

➧ Google ist weder gut noch böse, sondern einer der größten Besucher-Lieferanten für Websites. Hier ist seitens der Verlage professioneller Pragmatismus gefordert – und eben keine unreflektierte Dämonisierung.

Meine Bitte an den Journalismus: Hört auf, die Web-Welt und Google zu verteufeln. Nutzt stattdessen diese Chance zum Dialog mit Google, um hochwertigen Online-Journalismus wirtschaftlich zukunftsfähig zu machen.

Das Schlusswort hat der englische Bestseller-Autor, Berater und Innovationsexperte >Max McKeown:

"All failure is failure to adapt, all success is successful adaptation."

Link-Tipps und Quellen:

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Mathias Sauermann

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