Dichter, Denker, Digitalisierung: Wie zukunftsfähig ist die deutsche Wirtschaft?

Wir strotzen vor ökonomischer Kraft und der Rest der Welt kürte uns jüngst zum beliebtesten Land auf dem Globus. Alles schön und gut. Aber warum hinken wir in digitalen Dingen so eklatant hinterher? Wird uns unsere Innovationsangst zum wirtschaftlichen Verhängnis?


Goethe, Schiller und die Digitalisierung.
Dichter, Denker ... Digitalisierung?
(Weimar - Goethe & Schiller von André Zehetbauer unter CC BY-SA 2.0)


Bis zum heutigen Tag gibt es nur ein einziges deutsches Tech-Unternehmen, das global durchstartete: der baden-württembergische Software-Riese SAP.

Laut Wikipedia der...
  • weltweit viertgrößte Softwarehersteller
  • mit rund 70.000 Mitarbeitern
  • und rund 20 Milliarden Euro Umsatz jährlich.

Klingt gut, klingt bedeutend, klingt erfolgreich. Ist es auch, keine Frage. Es gibt nur einen Haken: Dieses Unternehmen ist 43 Jahre alt.

Heißt: Seit 1972 kam aus Deutschland kein IT-, Tech- oder Web-Unternehmen mehr, das zu einer globalen Erfolgsstory wurde. Habe ich jemanden übersehen?

Deutschlands Innovationsangst in Zahlen

Der >Global Innovation Index (GII) misst jährlich, wie innovativ einzelne Länder sind. Er untersucht zirka 140 Volkswirtschaften anhand von rund 80 Indikatoren.

Erstellt wird er unter anderem von der weltweit renommierten Cornell University sowie der Weltorganisation für geistiges Eigentum (einer Teilorganisation der UN.)

Die Top 10 des Global Innovation Index 2015:
  • Schweiz
  • Großbritannien
  • Schweden
  • Niederlande
  • USA
  • Finnland
  • Singapur
  • Irland
  • Luxemburg
  • Dänemark

Kein Deutschland unter den ersten zehn. Wir kommen auf Platz 12. Deutlich hinter Ländern wie der Schweiz, Schweden, Finnland, Singapur, Irland, Luxemburg und Dänemark – die allesamt weniger Einwohner haben als das Bundesland Bayern.

Es kommt noch dicker: Im Ranking "Ease of starting a business" (Gründungsfreundlichkeit eines Landes) rangieren wir in Europa auf dem drittletzten (!) Platz. Solche verheerenden Niederlagen kassieren wir sonst nur beim Eurovision Song Contest:

Germany – no points, l'Allemagne – zero points.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Was läuft hier schief?

Warum Google und Airbnb bei uns chancenlos gewesen wären

Hätte 1998 respektive 2008 ein junges Gründerteam in Deutschland die Idee gehabt, eine Suchmaschine für das Internet (1998) oder einen Community-Marktplatz für Unterkünfte hochzuziehen (2008) – sie hätten in Germany maximal ein paar müde Euro einstreichen können.

Millionen investieren in so einen unrentablen Kinderkram? Das hätte die deutsche Ratio niemals mitgemacht! Dann lieber das nächste (gedruckte) TV-Magazin aus dem Boden stampfen (um es eineinhalb Jahre später wieder einzustampfen).

Start-up-Insolvenzen & deutsche Schadenfreude



Der deutsche Begriff "Schadenfreude" existiert als Lehnwort im Englischen, Französischen, Niederländischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen und Polnischen. Frage: Ist es etwa typisch deutsch, sich am Misserfolg anderer zu ergötzen?

Groß scheint jedenfalls die Schadenfreude mancherorts in der Republik zu sein, wenn ein Web- oder Tech-Start-up pleitegeht.

"War doch klar! War doch von Anfang an nichts Gescheites! Die Dampfmaschine, das war was Gescheites!"

Damals.

Im 18. Jahrhundert.


Digitalisierung & Innovation: Verpasst Deutschland den Anschluss?
Digitalisierung & Innovation: Deutschland schläft (noch).
(tictac von Daniel Novta unter CC BY 2.0)


Warum ist Deutschland so innovationsscheu?

Diese Frage stellte ich einst >Dr. Astrid Carolus von Lehrstuhl Medienpsychologie Würzburg in einem Interview. Ihre These:

"Bei technischen Innovationen gibt es eine spezielle Zielgruppe, die Early Adopters ["frühzeitige Anwender" – Anm. d. Verf.]: Sie sind im Mittel jung, gut gebildet, männlich und nutzen neue technische Errungenschaften. Aber sie sind nicht unbedingt gesamtgesellschaftliche Meinungsführer. Meinungsführend in unserer Gesellschaft ist eine ältere Generation, der technische Innovationen zunächst fremd sind."

Verhagelt uns also die Früher-war-alles-besser-Fraktion den Anschluss an den Fortschritt?

Deutschland und die Digitalisierung: Auf geht's!

In der US-Start-up-Kultur gibt es den Begriff "to fail forward" oder "failing forward". Heißt: Es ist ok, zu scheitern. Wenn man denn anschließend wieder aufsteht und es erneut versucht.

Damit tut sich die deutsche Seele schwer. Wer scheitert, ist gebrandmarkt. Und sollte den Rest seiner Tage mit gesenktem Haupt verbringen (angesichts der stetig steigenden Smartphone-Nutzung vielleicht sogar ein praktikabler Way of Life).

Diese negative Kultur des Scheiterns ist traurig – und sehr kurzsichtig. Denn in der Geschichte gab es einige große Erfolgsstorys, in denen die Protagonisten anfangs grandios scheiterten:

Abraham Lincoln brauchte sieben Anläufe, bis er schließlich US-Präsident wurde.

Astrid Lindgren bekam für "Pippi Langstrumpf" anfangs von Verlagen reihenweise Absagen.

Orson Wells fand für "Citizen Kane" anfangs keinen Investor.

Steve Jobs brach sein Studium ab, gründete Apple und wurde mit 30 bei der Firma, die er gegründet hatte, entlassen.

Thomas Alva Edison scheiterte an knapp 10.000 Glühfäden, bis er schließlich einen dauerhaft zum Glühen brachte.

In diesem Sinne, lieber deutscher Gründergeist: Aufwachen!

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Mathias Sauermann

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