Deutschlands Digitalisierung: 6 Prophezeiungen zwischen Himmel & Hölle (Teil I)

Gelingt der Bundesrepublik die digitale Transformation? Zwei deutsche Denkfabriken wollten diese Frage anhand von sechs Szenarien beantworten. Euer Blogger hat sich die Studie genauer angeschaut.


Wird Deutschland die digitale Transformation gelingen?
(Binary unter CC0 1.0)

Der volle Titel der 2016er Abhandlung lautet:

"Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt 4.0:
 Mögliche Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit und Beschäftigung in Deutschland bis 2030"

Herausgeber sind die Bertelsmann Stiftung und die Stiftung Neue Verantwortung (SNV). Wer steckt dahinter?

Die Bertelsmann Stiftung:
  • 1977 gegründete, deutsche Denkfabrik mit wirtschaftsliberaler Ausrichtung ("So wenig Staat wie möglich").
  • Sie will Reformprozesse und Prinzipien unternehmerischen Handelns fördern.
  • Wettbewerb und "bürgerschaftliches Engagement" seien grundlegend für den gesellschaftlichen Fortschritt.
  • Kritiker werfen ihr unter anderem Lobbyismus vor.

Die Stiftung Neue Verantwortung (SNV):
  • Deutsche Denkfabrik, die den technologischen Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat gestalten will.
  • Sie fokussiert die Themen digitale Infrastrukturen, Wandel der Arbeit, IT-Sicherheit und Überwachung im Internet.
  • Förderer sind u. a. das Energie-Unternehmen EnBW, der Chemie-Konzern Lanxess sowie die BMW Stiftung Herbert Quandt.
  • Mitglieder sind u. a. Cem Özdemir (Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen) und Philipp Rösler (Ex-FDP-Bundesminister für Gesundheit).

In ihrer gemeinsamen Studie entwerfen die beiden Denkfabriken sechs Digitalisierungs-Szenarien. Schauen wir uns die ersten drei an.


Mögliche Szenarien der Digitalisierung Deutschlands.
(Digitization unter CC0 1.0)

1. Digitalisierungs-Szenario:
Ingenieursnation mit Herzchen

> So sieht es laut dieser Prognose 2030 in Deutschland aus:

Das Land verfügt flächendeckend über Glasfasernetze (= High-Speed-Internet-Zugang für alle).

Politik und Staat fördern die Digitalisierung nachdrücklich. Deutschland gilt als führend im Bereich digitalisierter Produkte und Produktion.

Die Industrie-4.0-Transformation ist allen produzierenden Unternehmen geglückt. Neue Jobs in der Fertigung sind Mangelware – die Robotik dominiert.

In den Unternehmen überwiegt das Arbeitsmodell "Projektarbeit in Festanstellung" – vor allem Facharbeiter aus dem ehemals mittleren Segment sind die Verlierer.

Reformen der bestehenden Hartz-Gesetze ermöglichen ein bedingungsloses Grundeinkommen – was wiederum den sozialen Frieden sichert.


> Daraus ergeben sich laut Studie folgende Leitfragen:

Wie können sich die Gewerkschaften nach dem Ende traditioneller Arbeitsverhältnisse neu profilieren und positionieren?

Sind Produktions- und Dienstleistungssektor noch klar voneinander abgegrenzt?

Wie können ehemalige Facharbeiter und Beschäftigte aus dem Niedriglohnsektor re-integriert werden?


2. Digitalisierungs-Szenario:
Silicon Countryside mit sozialen Konflikten

> So tickt laut der Prognose Deutschland im Jahr 2030:

Städte nutzen eine vollumfängliche VDSL-Infrastruktur (schnell, aber langsamer als Glasfaser), die ländlichen Gegenden werden flächendeckend mit Glasfaserkabeln erschlossen.

Deutschland ist international Big-Data-Vorreiter. Politik und Staat haben die digitale Transformation mit vielen Investitionen vorangetrieben, nun geht jedoch das Geld aus.

Die Beschäftigungsverhältnisse haben sich verschoben: Selbstständige mit vielen Auftraggebern dominieren das Bild. Viele einfache Tätigkeiten werden nicht mehr nachgefragt, Geringqualifizierte sind benachteiligt. Die Sozialsysteme sind bedroht und mit ihnen der soziale Friede.

Nur sehr wenige Unternehmen haben es geschafft, ein wettbewerbsfähiges digitales Geschäftsmodell zu entwickeln (vor allem der Mittelstand hinkt hinterher). Banken und Versicherungen sind die Big Player in der New Digital Economy.


> Folgende Fragen harren in diesem Szenario laut der Studie einer Antwort:

Wie kann der Mittelstand inklusive der Automobil-Industrie innovativer werden?

Wie kann der traditionelle Industrie-Sektor wieder sichere Arbeitsverhältnisse schaffen?

Wie kann man basierend auf projektbezogenen Arbeitsverhältnissen für einen Machtausgleich zum Kapital sorgen?


Was bringt die digitale Transformation?
(Robot unter CC0 1.0)


3. Digitalisierungs-Szenario:
Rheinischer Kapitalismus* 4.0

> So entwickelt sich Deutschland laut der Prognose bis 2030:

Die Bundesrepublik verfügt flächendeckend über ein Glasfasernetz. Die Digitalisierung wird privat und beruflich euphorisch begrüßt. Steueranreize und Bürokratieabbau beschleunigten die Transformation.

Das Land ist eine vollständig digitalisierte Industrie-Nation und international überdurchschnittlich wettbewerbsfähig. Alle Schlüsselbranchen nutzen effizient das Internet der Dinge.

Deutschland gilt als digitaler Innovator, nur der Mittelstand tut sich schwer: Er trägt nach wie vor bedeutend zur Wirtschaftsleistung bei, fällt aber immer weiter zurück.

Die arbeitende Bevölkerung ist mehrheitlich selbstständig. Der Arbeitsmarkt ist stabil und entwickelt sich gut.


> Die folgenden Fragen werden laut der Studie aufgeworfen:

Kann eine wirtschaftlich starke Gesellschaft auf ein soziales Sicherungssystem verzichten?

Organisieren nur noch Online-Plattformen den Arbeitsmarkt und die Wertschöpfung?

Wie erörtert und diskutiert die Gesellschaft diese Themen?


*Mini-Exkurs: Den Begriff "Rheinischer Kapitalismus" prägte 1991 der französische Wirtschaftswissenschaftler Michel Albert. Einige Merkmale dieses Wirtschaftsmodells:
  • Das Finanzgeschehen bestimmen eher Banken als Börsen. 
  • Es besteht eine Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. 
  • Die duale Berufsausbildung ermöglicht besser ausgebildete und loyalere Belegschaften. 
  • Der Staat reguliert teils das wirtschaftliche Handeln. 
  • Die soziale Marktwirtschaft wird dem Rheinischen Kapitalismus zugeordnet.

Digitalisierung: Deutschland zwischen Utopia und Dystopia?

Lasst es mich wissen: Welches der oben beschriebenen drei Szenarien haltet ihr für realistisch? Wo seht ihr Chancen, wo Risiken?

Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen (siehe Szenario 1) helfen, die Digitalisierung ohne sozialen GAU zu meistern?

Soweit die ersten drei Szenarien der Studie: In "Deutschlands Digitalisierung: 6 Prophezeiungen zwischen Himmel & Hölle (Teil II)" blicken wir auf die Nummern 4 bis 6. Bis denn!


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Kommentare

Mathias Sauermann

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