Deutschlands Digitalisierung: 6 Prophezeiungen zwischen Himmel & Hölle (Teil II)

Ingenieursnation mit Herzchen, Silicon Countryside mit sozialen Konflikten, Rheinischer Kapitalismus 4.0: So hießen die ersten drei Szenarien der Studie "Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt 4.0". Was sagen die Szenarien 4 bis 6 voraus?

Die Studie der Bertelsmann Stiftung und der Stiftung Neue Verantwortung fragt: Wie könnte Deutschlands Digitalisierung bis zum Jahr 2030 verlaufen?

Der erste Teil meines Beitrags beleuchtete die Szenarien 1 bis 3: Manches klang optimistisch und erstrebenswert, anderes dagegen besorgniserregend.

Jetzt blicken wir auf die Szenarien 4 bis 6. Was prophezeien sie für Deutschlands Digitalisierung?

4. Digitalisierungs-Szenario:
Digitale Hochburgen mit abgehängtem Umland


Wie verläuft Deutschlands Digitalisierung?
(Urban unter CC0 1.0)

> So sieht es laut der Studie 2030 in Deutschland aus:

Die Bundesrepublik hat es versäumt, das Glasfasernetz auszubauen, worunter die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit leidet.

Die Arbeitsverhältnisse haben sich im Vergleich zu 2016 kaum verändert. Gebiete außerhalb der boomenden Großstädte hinken hinterher, Jobs gibt es hauptsächlich nur noch in den Metropolen. Nur eine privilegierte Schicht kann es sich leisten, sich digital weiterzubilden.

Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Gebildeten und Ungebildeten wird immer größer, der soziale Friede ist massiv bedroht.


> Dieses Szenario wirft laut Studie folgende Fragen auf:

Wie kann die regionale und soziale Kluft im Land geschlossen werden?

Wie können die instabilen sozialen Sicherungssysteme gestärkt werden?

Kann sich die Bundespolitik gegenüber den Interessen der dominanten Großstädte durchsetzen?


5. Digitalisierungs-Szenario:
Digitale Evolution im föderalen Wettbewerb

> Das prognostiziert die Studie für Deutschland im Jahr 2030:

Einige Bundesländer konnten digitale Erfolgsgeschichten schreiben, anderen hinken massiv hinterher.

Industrie 4.0 ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor geworden, den aber nur manche Bundesländer erfolgreich nutzen können.

Vorherrschende Arbeitsform: Selbstständige mit wenigen Auftraggebern. Hochqualifizierte haben beste Job-Aussichten, andere Arbeitnehmer haben schwer zu kämpfen. Klassische Arbeitsverhältnisse gibt es kaum noch.

Es gibt eine digitale Erfolgs-Elite, der eine breite Masse gegenübersteht, die den Anschluss verloren hat.


> Daraus ergeben sich laut Studie folgende Fragen:

Was bedeutet der föderale Wettbewerb für die bundesweite Wirtschaftskraft?

Wie wirken sich die neuen Beschäftigungsverhältnisse auf die Gewerkschaften aus?

Was geschieht mit der sozialen Sicherung der Arbeitnehmer?


6. Digitalisierungs-Szenario:
Digitales Scheitern


Könnte Deutschlands Digitalisierung scheitern?
(Old unter CC0 1.0)

> Das sagt diese Prognose für Deutschland im Jahr 2030 voraus:

Die Bundesrepublik ist ein digitales Entwicklungsland und international nicht wettbewerbsfähig.

Da der Auf- und Ausbau einer digitalen Infrastruktur zu lange dauerte, rutschte das Land immer stärker in die Rolle eines reinen Anwenders digitaler Techniken. Innovationen blieben aus.

Es dominieren traditionelle Arbeitsverhältnisse. Steuereinnahmen sind eingebrochen, eine digitale Infrastruktur nicht bezahlbar.

Einst große und erfolgreiche Unternehmen gehen pleite. Hohe Arbeitslosigkeit und immer weniger Beitragszahler belasten das Sozialsystem.

Weite Teile der deutschen Gesellschaft weigerten sich, das Digitale anzunehmen und weiterzuentwickeln. Grund war auch die demografische Entwicklung: Ältere Generationen verschlossen sich der Digitalisierung.


> Das sind laut der Studie die Leitfragen dieses Szenarios:

Wie kann trotz Wirtschaftsschwäche und Ressourcenmangel die digitale Infrastruktur ausgebaut werden?

Wie wirkt sich die digitalfeindliche Haltung der Bevölkerung aus?

Was bedeutet die problematische Finanzierung der gesetzlichen Sicherungssysteme für das Verhältnis der Generationen?


Fazit: Digitalisierung – Quo vadis, Deutschland?

Soweit die sechs Szenarien der Studie in Kurzform. Gut gefallen hat mir der Ansatz, eine Bandbreite möglicher Entwicklungen aufzuzeigen, statt nur eine einzige starre Prognose zu wagen.

Denn auch in Sachen Digitalisierung gilt die alte Weisheit: Prognosen sind schwierig – vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. ;-)

Alle Szenarien im Vergleich (für eine größere Ansicht bitte klicken):

Deutschlands Digitalisierung: 6 mögliche Szenarien
(Quelle: Bertelsmann Stiftung & Stiftung Neue Verantwortung: Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt 4.0 unter CC BY-SA 4.0)

Mir haben alle sechs Szenarien gezeigt: Wir stehen vor tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Diese bergen tolle Chancen – aber auch große Risiken:

➧ Wie können wir in der Digitalisierung bundesweite (!) Chancengleichheit wahren?

➧ Wie können wir auf Bevölkerungs- und auf Unternehmensseite ein digitalfreundliches Interesse und digitale Aktivität fördern?

➧ Wie können wir zu erwartende arbeitsmarktbedingte soziale Krisen in einer Übergangsphase abfedern (Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen)?

Als größte Gefahren betrachte ich Desinteresse, ablehnende Haltung sowie digital- und innovationsfeindliche Strukturen:

Die Googles und Facebooks dieser Welt kommen alle aus Übersee. Wollen wir hier künftig mithalten können, braucht es Start-up-freundliche Strukturen, wohlwollende Offenheit gegenüber neuen Ideen und praxisnahe Ausbildungswege.

Digitalisierung und digitale Transformation müssen in eine öffentliche, gesamtgesellschaftliche Diskussion gebracht werden: Nur so werden wir den Prozess gemeinsam gestalten können...

...statt vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, die Entwicklung zu verpennen oder die digitale Transformation einer Minderheit zu überlassen.

Ideen, Meinungen, Anregungen  wie seht ihr Deutschlands Digitalisierung?


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Mathias Sauermann

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Titelbild: Digital Art unter CC0 1.0