Twitter-Verkauf: Warum scheiterte der Zwitscherdienst bislang?

Zu stark, um zu sterben – zu schwach, um richtig durchzustarten: Auch zehn Jahre nach seiner Geburt strauchelt Twitter durch das Social-Media-Universum. Der britische Economist hat jetzt analysiert, woran das liegen könnte.


Warum scheiterte Twitter bislang?
(Bird unter CC0 1.0)

Aktuell wartet die Online-Welt auf eine Nachricht: Wer kauft Twitter? Die Interessenten gehören laut Medienberichten zu den ganz Großen:
  • Salesforce.com (US-Cloud-Computing-Anbieter)
  • Google/Alphabet
  • Disney
  • Microsoft

Warum schaffte es Twitter bislang nicht aus eigener Kraft? Weltweit betrachtet leidet der Mikroblogging-Dienst an einem auffällig langsamen Nutzerwachstum – und läuft Gefahr, endgültig abgehängt zu werden.

In Deutschland blieb Twitter stets in der Nische stecken, trotz einer hohen Sichtbarkeit:

➧ Die Tweets von Promis und Politikern schaffen es regelmäßig in die Schlagzeilen,

➧ "Tatort"-Fans twittern jeden Sonntag munter um die Wette

➧ und auch bei Sport-Großereignissen ist Twitter präsent.

Doch Liebe wurde es nie zwischen dem Zwitscherdienst und der breiten Masse – weder in Deutschland noch global. Die britische Wirtschafts-Zeitschrift The Economist wollte wissen warum. Das sind ihre Thesen:


Gründe, warum Twitter bislang nicht durchstartete.
(Glass unter CC0 1.0)

1. Hat Twitter ein Nerd-Problem?

In den Augen der Economist-Redakteure hat CEO Jack Dorsey es versäumt, das Twitter-Kernprodukt grundlegend zu überarbeiten:

Das sicherte ihm zwar die Loyalität der Twitter-Nerds, hielt aber die Otto-Normal-User auf Abstand. Letztere empfanden demnach Twitter stets als zu knifflig ("fiddly").

2. Hat Twitter ein Troll- und Fake-Problem?

Ein Troll ist laut Duden "jemand, der [fortgesetzt] beleidigende und diskriminierende Kommentare ins Internet stellt".

Und von der Sorte gibt es bei Twitter leider viele – ebenso wie Fake-Accounts (= User oder Programme mit gefälschter Identität).

3. Hat Twitter seine Chancen verpennt?

Laut Economist haben Social-Media-Mitbewerber mittlerweile die Positionen besetzt, die Twitter hätte haben können.

Stichwort Video: Twitter erkannte den Bewegtbild-Trend früh und kaufte die Apps Vine (Kurz-Clips) und Periscope (Live-Streaming). Dann wurde es aber im Video-Segment von Facebook, Snapchat und Instagram überholt.

Auch im Personality-Segment bröckelte der Twitter-Vorsprung: Promis und Politiker entdecken immer stärker Instagram und Snapchat für sich und ihre Botschaften.

4. Ist Twitter das Opfer von Missmanagement?

So urteilt zumindest der Economist:

[...] it has lost its chance to be the sort of internet giant it might have become under better management.
Wohin entwickelt sich Twitter?
(Junction unter CC0 1.0)

Quo vadis, Twitter?

Ich gehe mit dem Economist tendenziell d’accord: Jeder der genannten Punkte trägt Wahrheit in sich.

Drei Aspekte möchte ich ergänzen:

1. Twitter gelang es nie, die Info-Flut für durchschnittliche User beherrschbar zu machen:

➧ Die Listenfunktionen sind benutzerunfreundlich.

➧ Zu lange bevorzugte man statt einer algorithmischen Tweet-Anordnung die strikt chronologische (was ich schon immer für Blödsinn gehalten habe).


2. Twitter ist schnell, dadurch aber auch zu flüchtig:

➧ Antworten, Re-Tweeten, Gefällt mir: All das ist in der eh schon schnelllebigen Social-Media-Welt auf Twitter nochmals vergänglicher als auf anderen Plattformen.

➧ Grund: Unerbittlich schieben sich Tonnen von Tweets über den Bildschirm.

➧ Gespräche, Dialoge, Interaktion? Machen auf Twitter wenig Spaß.


3. Twitter ersäuft in belanglosen Tweets:

➧ "Ich jogge gerade", "Kind schreit im Flur, Ehefrau genervt", "Thank God it’s Friday"...

➧ ...und das tagtäglich (bzw. @TGIF wöchentlich) in 1000-facher Ausführung: Die unübersichtliche Info-Flut auf Twitter scheint manche zu motivieren, wirklich jede noch so nichtige Befindlichkeit kundzutun.

In seiner jetzigen Form wird Twitter keinen Durchbruch mehr erleben. Das kann und wird nach zehn Jahren niemand mehr erwarten. Aber frischer Wind und neue Konzepte von neuen Köpfen könnten etwas bewegen...

Könnte Google Twitter zum Höhenflug verhelfen?


Wie könnte Google von einem Twitter-Kauf profitieren?
(Hummingbird unter CC0 1.0)


Von allen aktuell diskutierten Twitter-Kaufszenarien finde ich die Google-Variante am spannendsten:

Google gelang es bis heute nicht, im interaktiven Social-Media-Universum einen eigenen starken Player zu positionieren.

Googles Video-Plattform YouTube ist zwar eine Mega-Erfolgsstory, erinnert aber eher an eine Suchmaschine als an Facebook & Co. Und: Wer dort ein Profil betreiben will, hat einen sehr hohen Aufwand.

Der hauseigene Versuch Google+? Das war, naja, ein Versuch. Ruhe in Frieden, digitale Geisterstadt.

Welche Chancen würde ein Twitter-Kauf Google bieten?

➧ Twitter ist bekannt und hat Potenzial: Mit einer Runderneuerung könnte Google einen starken Social-Media-Player aufbauen, ohne bei Null anfangen zu müssen.

➧ Tweets erscheinen jetzt schon in der Google-Suche.

➧ Eine Integration in Android könnte einem neuen, benutzerfreundlichen Twitter im Smartphone-Bereich einen ordentlichen Schub verpassen.

Lassen wir uns überraschen. Sterben wird Twitter nicht – aber es muss sich tiefgreifend verändern.

Was glaubt ihr: Wohin geht die Twitter-Reise?


Quellen & Link-Tipps:

Kommentare

Mathias Sauermann

Mathias Sauermann
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Titelbild: Digital Art unter CC0 1.0