Wirtschaft 4.0: Liegt Deutschland im digitalen Dornröschenschlaf?

Im weltweiten Bruttoinlandsprodukt-Ranking sichert sich die BRD einen Platz unter den Top 5. Doch bei der digitalen Transformation hinken wir teils massiv hinterher. Eine aktuelle Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) untersuchte, wie digitalisiert unser Mittelstand ist – die Ergebnisse auf einen Blick.


Verpasst Deutschland die Digitalisierung?
(Pocket Watch unter CC0 1.0)

"Digitalisierung im Mittelstand: Status quo, aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen": So lautet der Titel der 2016er Studie der KfW-Bankengruppe. Schauen wir uns zunächst die Verfasser an:

Wer steht hinter dieser Digitalisierungs-Studie?

Die 1948 gegründete KfW ist die weltweit größte nationale Förderbank. Nach Bilanzsumme ist sie die drittgrößte Bank Deutschlands. Ihre ursprüngliche Aufgabe: Sie sollte nach dem 2. Weltkrieg den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft finanzieren.

Heutzutage soll die KfW unter anderem
  • den Mittelstand und Existenzgründer fördern,
  • kleinen und mittleren Unternehmen Investitionskredite gewähren,
  • Infrastrukturvorhaben und Wohnungsbau finanzieren
  • sowie Umwelt- und Klimaschutzprojekte unterstützen.

Die Kreditanstalt befand sich mitunter im Kreuzfeuer der Kritik:
  • 2008 überwies sie 320 Mio. Euro an die Investmentbank Lehman Brothers, deren Insolvenz absehbar war.
  • Ebenfalls 2008 fuhr sie in Island während der Finanzkrise Millionenverluste ein.
  • Zwischen 2006 und 2011 förderte sie – wenig umweltfreundlich – den Export von Technologie zur Kohleförderung und Kohleverstromung.

Das KfW-Kapital halten zu 80 Prozent die BRD und zu 20 Prozent die Bundesländer. Im Konzern arbeiten rund 6000 Menschen.

Die KfW beauftragte die vorliegende Digitalisierungs-Studie beim Zentrum für deutsche Wirtschaftsforschung (ZEW) – das sich größtenteils aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg finanziert. Ebenfalls in die Studie involviert: das deutsche Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas).

Digitalisierung im Mittelstand: Wer wurde zu welchen Themen befragt?


Ergebnisse der Digitalisierungs-Studie.
(Digitization unter CC0 1.0)

Für die Untersuchung erstellten die Verfasser Fallstudien und befragten telefonisch rund 2100 Unternehmen der folgenden Art:
  • mittelständische Betriebe mit mindestens 5 Beschäftigten 
  • und einem Jahresumsatz bis 500 Mio. Euro.

Das wollte die Studie wissen:
  • Wie ist der Grad der Digitalisierung im Unternehmen?
  • Welche Digitalisierungs-Projekte werden umgesetzt?
  • Wie werden diese Digitalisierungs-Maßnahmen finanziert?
  • Welche Hemmnisse und Herausforderungen gab und gibt es dabei?

Was versteht die Studie unter "mittelständischen Digitalisierungs-Projekten"?

Zitat der Verfasser:

"...Projekte zum erstmaligen oder verbesserten Einsatz von digitalen Technologien in den internen Prozessen des Unternehmens und in der Interaktion mit Lieferanten und Kunden sowie den Aufbau von entsprechenden Kompetenzen.

Digitale Anwendungen umfassen dabei grundlegende Infrastrukturen, wie eine Webseite und ein ERP-System, Anwendungen zu digital vernetzter Information und Kommunikation und Anwendungen, die die digitale Vernetzung von Produkten und Dienstleistungen ermöglichen."

Folgende Punkte werden unter anderem genannt:
  • Anschaffung moderner oder deutlich verbesserter Hardware
  • Programmierung oder Einführung neuer Software
  • Komplette Neukonzeption der Website
  • Einsatz neuer IT-Services (z. B. Cloud-Computing)
  • IT-Verknüpfungen zwischen Geschäftsprozessen und Geschäftsbereichen
  • Neue IT-Sicherheitskonzepte und -anwendungen
  • IT-Weiterbildung von Mitarbeitern
  • Einsatz von IT-Beratern
  • Neue digitale Marketing- und Vertriebs-Konzepte

Studienergebnisse: Das Wichtigste auf einen Blick

Fünf Kernergebnisse der KfW-Studie zur digitalen Transformation des deutschen Mittelstandes:

> 1. Die Digitalisierung hat in mittelständischen Unternehmen noch (sehr) viel Luft nach oben.

> 2. Nur 19 % der Mittelständler sind laut der Studie digitale Vorreiter: Digitale Produkte oder Dienste sind ein wichtiger Bestandteil ihres Geschäftsmodells, sie bieten ihren Kunden Apps oder führen Industrie-4.0-Projekte durch. Doch selbst diese Vorreiter nutzen nicht das volle Digitalisierungs-Potenzial.

> 3. Etwa 49 % der mittelständischen Unternehmen stellen laut der Studie ein digitales Mittelfeld dar: Sie zeigen digitale Ansätze, nutzen das Potenzial aber bei Weitem nicht aus.

> 4. Ganze 32 % der Betriebe gelten als digitale Nachzügler. Sie schwächeln bei der grundlegenden digitalen Infrastruktur: Mitunter gibt es keine Website oder keine ERP-Software, nur eine Minderheit der Beschäftigten hat einen Internet-Zugang. Zu dieser Gruppe gehören vor allem kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern.

> 5. Die befragten Unternehmen verfolgen zwar mehrheitlich kleinere Digitalisierungs-Projekte, besitzen jedoch keine übergreifende Digitalisierungs-Strategie.

Insgesamt – so die Studie – erkennt der deutsche Mittelstand noch nicht die strategische Tragweite der Digitalisierung.

Digitalisierung im Mittelstand: Studien-Details

Details der Digitalisierungs-Studie
(Search unter CC0 1.0)

Einige interessante Einzelbefunde der KfW-Studie:

> 1. Unter den "wissensintensiven Dienstleistern" finden sich die meisten Unternehmen mit Digitalisierungs-Projekten. Dazu gehören unter anderem
  • das Verlagswesen, 
  • Telekommunikations- und IT-Dienstleister, 
  • Unternehmens-, Steuer- und Rechtsberater, 
  • PR- und Werbe-Agenturen, 
  • Marktforscher 
  • sowie Architektur- und Ingenieurbüros.

> 2. Je anspruchsvoller das Digitalisierungs-Level, desto schwächer das operative mittelständische Engagement. Heißt: Während Unternehmen Themen wie das Cloud-Computing noch relativ forsch angehen, geht ihnen bei digital vernetzten Produkten/Dienstleistungen und Industrie 4.0 schnell die Puste aus.


> 3. Die wichtigsten Gründe für Digitalisierungs-Projekte im Mittelstand:
  • Unternehmen reagiert auf Chancen durch neue Technologie (55 %)
  • Unternehmen reagiert auf Kundenanforderungen (32 %)
  • Unternehmen reagiert auf Wettbewerbsdruck (13 %)
[Anm. eures Bloggers: Hier erwarte ich, dass das Thema Wettbewerbsdruck in den kommenden Jahren deutlich dringlicher werden wird. Neue disruptive Mitbewerber wird es in vielen Branchen geben. Die Ubers und Airbnbs sitzen in den Startlöchern.]


> 4. Was bremst mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung?
  • Geschwindigkeit der Internetverbindung (31 %)
  • Mangelnde IT-Kompetenzen der Beschäftigten (21 %)
  • Datensicherheit bzw. Datenschutz (21 %)
  • Hohe Investitions- bzw. Betriebskosten (21 %)

Fazit: Deutschland im digitalen Dämmerzustand?

Verschläft Deutschland die Digitalisierung?
(Sleep unter CC0 1.0)

Die Digitalisierungs-Studie der KfW zeigt deutlich: Wenn die BRD wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben will, muss sie jetzt ihre digitale Aufholjagd beginnen – nicht nur technisch, sondern auch in Sachen Mentalität (Interesse und Offenheit gegenüber digitalen Geschäftsmodellen, Innovationen, Start-up-Kulturen, Disruptionen, etc.).

Die Googles, Facebooks und Airbnbs dieser Welt kommen alle aus Übersee. Während dort Innovationen und Gründergeist gedeihen, dominiert bei uns scheinbar nach wie vor traditionalistisches Sicherheitsdenken.

Dies wiederum paart sich mit einer kulturpessimistischen Komponente: Die Digitalisierung wird wahlweise als "substanzloser Hype" verkannt oder als bedrohlich empfunden. Alles Einschätzungen, die bereits einige ehemals große Unternehmen scheitern ließen: Agfa, Kodak, Polaroid, Nokia, Schlecker, Blaupunkt… who's next?

Wie ist eure Meinung? Verpasst Deutschland wirtschaftlich den digitalen Anschluss?


Quellen & Link-Tipps:

Kommentare

Mathias Sauermann

Mathias Sauermann
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