Start-up-Szene Nürnberg-Erlangen: "Wir müssen enger zusammenarbeiten!"

Wie lebendig ist die Existenzgründer-Szene im Großraum Nürnberg? Benjamin Bauer (25) kennt die Antwort: Er untersuchte genau diese Frage in seiner Bachelorarbeit. Höchste Zeit für ein Interview.

Benjamin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik I der Universität Erlangen-Nürnberg. Bereits Anfang Mai unterhielt ich mich mit ihm und seinem Gründungspartner Andreas über ihr Nürnberger Web-Start-up Unicoach. Als Benjamin damals seine Bachelorarbeit erwähnte, wurde ich als Fan der wissenschaftlichen Meta-Ebene hellhörig.

So trafen wir uns erneut, um die Nürnberger und Erlanger Gründerszene zu beleuchten – dieses Mal in Nürnbergs neuer Innovationsschmiede, dem Josephs.


Benjamin Bauer: Web-Entrepreneur und Uni-Mitarbeiter
Benjamin Bauer (25) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erlangen-Nürnberg sowie Gründer von Unicoach.

Benjamin, du hast die Start-up-Szene Nürnbergs und Erlangens in deiner Bachelorarbeit untersucht. Bitte erzähle uns etwas darüber.
Meine Arbeit untersucht, in welchen Gründungsphasen es welche Unterstützung im Raum Nürnberg-Erlangen gibt. Ihr Titel lautet "Phasenspezifische Unterstützungsangebote für Gründer im Öko-System Erlangen-Nürnberg – eine kompetenzbasierte Netzwerkanalyse". Erschienen ist sie im Oktober 2013.

Wie gründungsmotiviert oder -faul sind die Deutschen im Allgemeinen und die Franken im Speziellen?
Die Gründungsaktivität ist in Deutschland rückläufig. Das ist schade, denn Zweidrittel der Arbeitsplätze in Europa basieren auf Gründungen. Im Bereich der Venture-Capital-Finanzierung [Wagniskapital, das Investoren jungen Unternehmen zukommen lassen – Anm. d. Red.] steht Deutschland extrem schlecht da. Wir leben von Gründungen, die 100 Jahre alt sind. Im IT-Bereich ist in den letzten 30 Jahren in Deutschland außer SAP kein nennenswertes Unternehmen entstanden. Bei allen genannten Punkten bewegt sich Mittelfranken im bundesdeutschen Durchschnitt.

Statistik: Anteil der Gründer an der Bevölkerung* (Gründerquote) in Deutschland von 2000 bis 2013 | Statista
Mehr Statistiken findet ihr bei Statista.

Wie vielfältig sind die Ideen der Nürnberger und Erlanger Start-ups? Findet man echte Innovationen oder eher Sicherheitsdenken?

Erlangen hat ganz klar einen High-Tech-Fokus. Hier gibt es viele hervorragende Innovationen. Die Nürnberger Szene hat eher einen Web-Fokus. Hier lässt zwar vieles noch zu wünschen übrig, aber es wird besser. Großes Problem im gesamten Großraum: Alle Errungenschaften werden zu wenig kommuniziert. Das Marketing in eigener Sache ist mangelhaft.

Die erste Forschungshypothese deiner Arbeit lautet: "In den Gründungsphasen gibt es wenig Unterstützungsangebote in Nürnberg und Erlangen". Zutreffend oder nicht zutreffend?
Das trifft teilweise zu, es gibt vor allem im Vergleich zu anderen Städten zu wenig Unterstützungsangebote. Man muss aber nach den einzelnen Gründungsphasen unterscheiden.

Welche sind das?
Es gibt fünf. In der Sensibilisierungsphase will man noch nicht gründen, man spielt nur mit dem Gedanken. In der Vorgründungsphase gibt es bereits eine Idee, in der Gründungsphase meldet man sein Unternehmen schließlich an. In der Wachstumsphase versucht man zum Beispiel mit Investorenhilfe größer zu werden. In der späten Konsolidierungsphase wäre zum Beispiel ein Börsengang interessant.

Wissenschaftliche Untersuchung zur Start-up-Szene Nürnberg-Erlangen.
Die Gründungsphasen (Ausschnitt der Bachelorarbeit).

Wie unterscheiden sich die Unterstützungsangebote in den einzelnen Gründungsphasen?
Ganz am Anfang in der Sensibilisierungsphase und ganz am Schluss in der Konsolidierungsphase ist die Unterstützung eher gering. Da gibt es wenig Angebote im Raum Nürnberg-Erlangen. Es gibt zwar Business Angels, aber insgesamt zu wenig Investoren.

Welche bekannteren Business Angels bietet die Region Nürnberg-Erlangen?
Der hotel.de-Gründer Heinz Raufer ist ein bekannter Name. Weiterhin treten manche Professoren fränkischer Hochschulen als Business Angels auf. Es sticht aber niemand richtig heraus. Andere Städte wie München sind hier weiter: Dort findet man an den Hochschulen Inkubatoren [ursprünglich Brutkästen, im übertragenen Sinne Einrichtungen, die Existenzgründer unterstützen, z. B. Gründerzentren – Anm. d. Red.]. Außerdem gibt es Gründerprogramme und sogar Lehrstühle, die Business Angels vermitteln. Das sind alles Dinge, die die Universität Erlangen-Nürnberg sehr stark vernachlässigt hat.

Kommen wir zur zweiten Forschungshypothese deiner Arbeit: "Die Kompetenzausstattung von Institutionen in der Nürnberger und Erlanger Gründerszene ist nicht ausreichend". Was ist mit Kompetenzausstattung gemeint und von welchen Institutionen ist die Rede?
Ich analysierte Studien, in denen man Gründer fragte, welche externen Institutionen und Kompetenzen sie brauchen. Zum Beispiel einen Investor, der sie finanziell unterstützt, oder Personen, die beim Erstellen des Businessplans helfen. Daraus ergaben sich Kompetenzbündel, zum Beispiel das Bündel "Beratungskompetenz". Ein weiteres Bündel ist die "Durchführungskompetenz". Damit sind Institutionen gemeint, die zum Beispiel beim Recruitment helfen.

Nun zur Hypothese: Wie ist es um die Kompetenzausstattung der Institutionen bestellt?
Diese Hypothese wurde widerlegt, die Kompetenzausstattung in der Region Nürnberg-Erlangen ist ausreichend. Was aber auffiel: Bei den Themen Beratung und Finanzen weichen die Einschätzungen stark voneinander ab. Hier antworteten die Institutionen, dass beide Punkte sehr wichtig seien, sie selbst diese aber nur bedingt bieten können.


Wissenschaftliche Untersuchung zur Start-up-Szene Nürnberg-Erlangen.


Die dritte Hypothese lautet: "Die Akteure arbeiten nicht in ausreichendem Maße zusammen". Von welchen Akteuren ist die Rede?
Die Akteure sind die Personen, die ich für die Untersuchung befragt habe. Hauptsächlich also die Institutionen und Personen, die Gründer unterstützen. Dazu gehören Privatpersonen wie Stefan Probst oder Markus Teschner, ebenso das Coworking Space Nürnberg sowie Johannes Heinzerling von der Studenteninitiative START, Alexander Fortunato von der IHK, Alexander Becker vom Netzwerk Nordbayern, Werner Wendler von der Sparkasse Nürnberg oder Silvia Kuttruff von der Wirtschaftsförderung Nürnberg.

Nun zur Hypothese: Wie gut oder schlecht arbeiten diese Akteure zusammen?
Die Befragten betonten zwar, dass sie kooperieren, aber letztlich scheinen viele ihr eigenes Süppchen zu kochen. Bei der Frage nach dem Zusammenhalt in der Gründerszene Nürnberg-Erlangen gab es negative Antworten: Viele sind aktiv, aber die Aktionen sind wenig koordiniert. Auch sehen einige eine ungesunde Konkurrenzsituation, was gerade in einer Gründersituation wenig hilfreich sei. Gleichzeitig wünschten sich viele eine engere und bessere Zusammenarbeit.

Wie gut oder schlecht kooperieren die beiden Standorte Nürnberg und Erlangen?
Es wurde oft bemängelt, dass die Städte zu wenig kooperieren. Hier müsste die Universität Erlangen-Nürnberg deutlich mehr Initiative zeigen. Die Entwicklung ist aber positiv: Im letzten halben Jahr hat sich hier einiges in die richtige Richtung bewegt. Ein Beispiel: Das neue und regelmäßig stattfindende Event "Karohemd meets Polokragen" vernetzt Techies und BWLer sowie die Standorte Erlangen und Nürnberg.


Die Nürnberger Innenstadt:



Mehrfach berichtest du in deiner Arbeit, dass Gründer eine einheitliche Marke für die Gründerszene in Nürnberg und Erlangen fordern. Wie könnte so etwas aussehen?
Eine einheitliche Marke oder ein Gründerzentrum könnten die einzelnen Akteure besser miteinander kooperieren lassen. Es wurde immer wieder der Ruf nach einem Inkubator laut. In München gibt es die Initiative UnternehmerTUM oder das LMU Entrepreneurship Center. Jeder Student kennt diese Marken. Das fehlt Nürnberg und Erlangen auf jeden Fall, viele wissen einfach nicht, an wen sie sich hier in der Region wenden können, wenn sie gründen wollen.

Zusammengefasst: Was sind die größten Stärken der Gründerszene Nürnberg-Erlangen und was ihre größten Schwächen?
Eine große Stärke ist, dass es hier viele Ideen und Köpfe sowie ein großes Netzwerk gibt. Eine ganz große Schwäche ist die mangelhafte Kommunikation von Start-up-Erfolgen. Ein Beispiel: JDownloader aus Fürth bietet den größten Download-Manager im Web und hat 15 Millionen Kunden weltweit. Aber kein Mensch weiß, dass sie hier aus der Region kommen. Weiteres Beispiel: Der Postillon ist der größte Satire-Blog Deutschlands, aber kaum jemand weiß, dass die Redaktion in Fürth sitzt.

Erlangen: High-Tech-Standort in Nordbayern
Nürnbergs Nachbarstadt Erlangen mit rund 105.000 Einwohnern.  Die Universität verbindet beide Städte. (Blick über Erlangen von dan_fuh unter CC BY 2.0)

Wie schätzt du das Potenzial der Nürnberger und Erlanger Gründerszene ein?
Es kann hier etwas gehen und es geht auch immer mehr. Im Healthcare-Sektor [Start-ups aus dem Gesundheitswesen – Anm. d. Red.] sehe ich sehr viel Potenzial. Was die Web-Szene angeht: Ich würde ihr ein Wachstum wünschen, bin aber noch skeptisch. Da bräuchte es mal wieder ein Start-up wie hotel.de, eine richtige Erfolgsstory.

Was lässt dich die Nürnberger Web-Szene skeptisch betrachten?
Am Know-how mangelt es nicht, aber vieles steckt noch in den Kinderschuhen. Außer Streetspotr, designenlassen und Amoonic ist kein Nürnberger Web-Start-up über die Region hinaus bekannt geworden. Oft hat man den Eindruck, die Web-Szene Nürnberg macht lieber nochmal fünf Konferenzen und Workshops, bevor einer richtig Gas gibt.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Welche drei Punkte müssten sich in der Nürnberger und Erlanger Gründerszene am dringlichsten verändern oder entwickeln?
Punkt 1: mehr echte finanzielle Unterstützung. Ich habe keinen Bock mehr auf irgendwelche Banken, die sich unerfahrenen Gründern gegenüber als Investoren tarnen. Wir brauchen hier echte Investoren, die Risikokapital geben und kein verzinstes Darlehen. Punkt 2: mehr Kommunikation und Kooperation. Punkt 3: ein Inkubator in der Region. Die Devise sollte lauten: Less talking, more doing.

Benjamin, vielen Dank für dieses Gespräch!

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Mathias Sauermann

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