Start-up-Szene Fürth: “Das Menschliche steht bei MyOma im Vordergrund!”

70 Omas, ein Opa und eine Überzeugung: Verena Röthlingshöfer (34) zeigt, dass unternehmerischer Erfolg und soziales Engagement vereinbar sind. Die Fürtherin verkauft über MyOma.de Stricksachen, die ältere Menschen liebevoll fertigen. Natürlich wollte ich mehr wissen und bat Verena um ein Interview.

Wir trafen uns im MyOma-Büro an der Fürther Hornschuchpromenade – einem denkmalgeschützten Gebäude-Ensemble im Zentrum der nordbayerischen Kleeblattstadt. Die herrschaftlichen Sandstein-Bauten mit Allee erinnern an Pariser Boulevards vergangener Epochen. Bei einem Glas Wasser unterhielten wir uns in diesem schönen Ambiente über MyOma, soziale Fairness – und einen männlichen Strick-Profi.

Verena, was ist MyOma, was können User auf eurer Website machen?
MyOma verkauft Stricksachen über das Web. 70 Omas und ein Opa stricken für uns, auf der Website bieten wir Kollektionen für Erwachsene, Kinder und Babys. Diese Produktpalette bauen wir immer weiter aus. User bestellen online, die Strickaufträge geben wir an die Omas weiter. Jeder Bestellung liegt eine Autogrammkarte der Oma bei, die das Stück gestrickt hat.

Verena Röthlingshöfer, Geschäftsführerin von MyOma.
Verena Röthlingshöfer, Geschäftsführerin von MyOma.

Wann seid ihr online gegangen?

Im Oktober 2011.

Wie entstand die Idee?
Ich war schon immer ein Omakind und verstand mich stets gut mit älteren Menschen. Eines Tages sah ich einen Fernsehbeitrag über Omas, die sich zum Stricken treffen. Da hatte ich die Idee, dass Omas doch auch hippe und coole Sachen für junge Leute stricken können. Das wollte ich mit einem sozialen Engagement verbinden: Ich wollte ältere Leute aus ihrer Einsamkeit rausholen und es ihnen ermöglichen, etwas Geld zu verdienen.

Wer macht was im MyOma-Team?
Ich bin die Geschäftsführerin, mein Bruder Jörg ist Co-Gründer und macht viel PR und Marketing für MyOma. Außerdem haben wir Angestellte, Werkstudenten und Praktikanten. Momentan sind wir sieben. Und natürlich kommen noch die 70 Omas und der Opa dazu, die für uns stricken.

Die MyOma-Startseite.
Die MyOma-Startseite.

Wie kommt der Kontakt zu den Strick-Omas zustande?
Dank des großen Presse-Echos sind wir mittlerweile so bekannt, dass viele Anfragen kommen. Wir müssen sogar schon mit Wartelisten arbeiten.

Die Strick-Omas von MyOma.
Mit viel Herzblut und Freude bei der Sache: Die Strick-Omas von MyOma.

Es gibt auch einen Opa in euren Reihen: Wie kam er zum Stricken und zu MyOma?
Opa Klaus ist Mitte 70. Seine Familie hatte in der Nachkriegszeit wenig Geld, alle mussten mithelfen. So brachte ihm seine Mutter das Stricken bei, damit er die Familie unterstützen konnte. Das Stricken wurde sein Hobby. Er hatte einen Artikel über MyOma in den Nürnberger Nachrichten gelesen und mir einen Brief geschrieben. Darin stand: "Schade, dass ich keine Oma bin" (lacht). Ich rief ihn gleich an, er strickte eine Bewerbungsmütze und schon gehörte er zum Team. Er ist einer unserer Besten.

Hahn in Korb: Strick-Profi Opa Klaus.
Hahn im Korb: Strick-Profi Opa Klaus.

Welche bisherigen Strick-Kreationen der Omas waren am außergewöhnlichsten?
Wir haben einmal in Team-Arbeit ein ganzes Sofa eingestrickt. Und für das Café Lorenz in Nürnberg haben wir einen Strickvorhang gemacht. Sehr beliebt und speziell sind außerdem Strickmützen mit Namen oder Begriffen.

Du bezeichnest MyOma als soziales Unternehmen: Wie wichtig ist dir der soziale Aspekt auf der einen und betriebswirtschaftliche Aspekte wie Umsatz-Kosten-Gewinn auf der anderen Seite?
Ich wollte auf keinen Fall ein gemeinnütziger Verein werden. Ich wollte zeigen: Auch als Wirtschaftsunternehmen kann man etwas schaffen, an dem ältere Menschen beteiligt sind. MyOma muss sich wirtschaftlich rentieren, damit es auch den Omas gut geht. Wir wollen beides sein: sozial und rentabel.

Wie finanzierst du das Unternehmen?
Über die Online-Verkäufe der Stricksachen und des Strick-Zubehörs wie Wolle, Strickpakete und Bücher. Das bauen wir weiter aus. Wir bieten auch Strick-Workshops mit den Omas. Unser Geschäft ist sehr saisonal, da die Menschen in den warmen Monaten kaum Stricksachen kaufen. Für die warme Jahreszeit brauchen wir noch eine zündende Idee (lacht).

Wie sehen eure Kundenzahlen und Bestellungen aus?
Wir haben derzeit rund 3000 Kunden. Im letzten Winter hatten wir täglich zehn Bestellungen.

Die MyOma-Kollektionen
Die MyOma-Kollektionen findet ihr auf der Website.

Welche (Online-)Marketing-Kanäle nutzt ihr, um MyOma bekanntzumachen? Wie gewinnt ihr Website-Besucher?
Ganz, ganz viel PR. Ich komme aus diesem Bereich und habe in einer PR-Agentur gearbeitet. Die Pressearbeit ist unser Hauptkanal. Ein weiterer großer Bereich ist die Suchmaschinenoptimierung: Wir haben einen Blog aufgebaut, schreiben viel und wollen hochwertige Inhalte bieten. Wir berichten über uns, geben Stricktipps und wollen unsere Kompetenz zeigen. So wollen wir bei Google sichtbarer werden.

Ihr habt ein sehr großes Medien-Feedback für MyOma bekommen. Habt ihr gezielt darauf hingearbeitet oder kam die Resonanz von alleine?
Ich wusste, dass es ein gutes Thema ist. Wir mussten nicht viel machen, es kam einfach gut an. Schon vor unserem Online-Start hatte der Bayerische Rundfunk angefragt, sodass am Tag unseres Live-Gangs bereits das Fernsehen da war (lacht).

Es gibt ein MyOma-Strickbuch. Was hat es damit auf sich?
Das erste Buch heißt "Wollrausch", stellt all unsere Omas vor und bietet Strickanleitungen. Demnächst erscheint das zweite Buch, ein Strick-Anfängerbuch, in dem unsere Omas den Lesern das Stricken beibringen.

Schicke Schals bietet MyOma auf für die Kleinsten.
Schicke Schals bietet MyOma auch für die Kleinsten.

Lass uns über den Menschen hinter MyOma sprechen. Bitte erzähle uns etwas über deinen bisherigen Lebensweg.
Ich bin in Fürth geboren und zur Schule gegangen. In Nürnberg habe ich meinen Kommunikationswirt an der BAW gemacht [Bayerische Akademie für Werbung und Marketing – Anm. d. Red.]. Anschließend ging ich in die PR-Agentur meines Bruders nach München. Dort arbeitete ich fünf Jahre. Wegen der Liebe und der MyOma-Idee wollte ich zurück in die fränkische Heimat.

Du lernst viele Lebenswege, Lebenssituationen und Geschichten älterer Menschen kennen. Was hat dich gefreut und was hat dich traurig gemacht?
Es gibt viele Geschichten von alten Leuten, die sehr einsam sind und denen MyOma ganz, ganz viel bedeutet. Das rührt mich sehr. Außerdem freue ich mich darüber, dass unsere Omas untereinander befreundet sind und sich regelmäßig treffen. Das ist einfach schön.

Wie haben dich die Begegnungen mit den älteren Menschen geprägt?
Es hat mich geduldiger gemacht, da man den älteren Leuten mehr Zeit geben muss. Man muss freundlich sein und ein offenes Ohr haben, das Menschliche steht im Vordergrund. Das muss jeder, der bei MyOma arbeitet, auch verstehen.

MyOma auf YouTube:




Stichwort Gleichberechtigung: Welche Lebenswege der älteren Frauen lernst du kennen? Hatten sie die Chance, sich in ihrem Leben gesellschaftlich frei zu entfalten?
Vor allem die heute 70-jährigen Frauen, die in ländlichen Gebieten gelebt haben, hatten diese Chance nicht. Es fehlte das Geld, sie waren gesellschaftlich gezwungen, bei ihren Männern zu bleiben, und konnten keinen Beruf ausüben. Es gibt auch Frauen, die sich im Alter emanzipierten, sich scheiden ließen und nochmal neu anfingen. Viele aber haben nie gearbeitet und bekommen deshalb auch sehr wenig Rente.

Ein Pressebericht über MyOma erzählt von einer eurer Omas, die schweißgebadet vor Anspannung ihre erste U-Bahn-Fahrt von Nürnberg ins direkt angrenzende Fürth absolvierte. Warum diese große Angst?
Das ist unsere Oma Siggi, die nie selbstständig war und sich nie etwas zutraute. Sie begann ihr Leben neu und zog nach Nürnberg. Anfangs fuhr ich immer zu ihr. Dann erklärte ich ihr ausführlich, wie sie von Nürnberg nach Fürth kommt. Mittlerweile hat Oma Siggi ein tolles Selbstbewusstsein aufgebaut und gibt MyOma-Strick-Workshops in ganz Deutschland. Und sie schreibt mir WhatsApp-Nachrichten (lacht).

Stichwort Träume und Ziele: Was möchtest du mit MyOma erreichen?
Ich will MyOma als Unternehmen etablieren und viele Omas beschäftigen. Wir wollen erfolgeich sein, Spaß haben und beweisen, dass ein Unternehmen gleichzeitig sozial und rentabel sein kann. Auch andere Unternehmen sollen sehen, dass es sich sehr wohl lohnt, ältere Leute zu beschäftigen. Ältere Generationen werden ausgeblendet und das muss sich ändern.

Verena, vielen Dank für dieses Gespräch. Alles Gute und viel Erfolg für dich und MyOma!

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Mathias Sauermann

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