Droht uns die digitale Verblödung?

Ein Schreckgespenst namens "digitale Demenz" geistert durch die Medien. Seine Botschaft: Das Internet und die Digitalisierung lassen unser Gehirn schrumpfen. Macht das Online-Zeitalter die Birne hohl oder sorgt es für frischen Wind im Oberstübchen? Schauen wir uns die Fakten an.

Zugegeben, die digitale Ära wirkt nicht immer intelligenzfördernd:

➧ Autofahrer vertrauen blind ihrem Navigationsgerät und steuern ihren Wagen zielsicher in einen See (manche auch auf die Startbahn eines Flughafens – ganz großes Kino).

➧ Erwachsene Menschen stapfen mit gesenktem Haupt und starrem Blick (auf das Smartphone) durch Fußgängerzonen – auf direktem Kollisionskurs mit anderen Zweibeinern, Litfaßsäulen und Straßenlaternen.

➧ Sich Wissen noch zu merken, scheint überflüssig: Wikipedia, Google Now und Siri sind nur einen Klick entfernt, sie werden zum externen Speicherort unseres Gehirns – und selbiges zur kargen Wüstenlandschaft?

Wie sehr nutzt oder schadet das digitale Zeitalter unserem Gehirn?


Wie wirkt sich das digitale Zeitalter auf das Gehirn aus?
(Brain Health von A Health Blog unter CC BY-SA 2.0)

Internet & Co.: die Leiden der jungen Medien

Schon immer haben sich die Menschen mit neuen Medien und dem technischen Fortschritt schwergetan. Ein paar Anekdoten:

Sokrates (469 v. Chr. - 399 v. Chr.) glaubte, Geschriebenes könne kein Wissen vermitteln. Das Schreiben kopiere mangelhaft das Reden.

Im 18. Jahrhundert warnten selbsternannte Experten vor den Folgen der "Lesesucht".

Ein Zitat von 1876: "Dieses Telefon hat zu viele Schwächen, als dass man es ernsthaft für die Kommunikation in Erwägung ziehen kann" (Internes Memo der Telegraphen-Gesellschaft Western Union).

Ein Zitat von 1977: "Es gibt keinen Grund, warum jeder einen Computer zu Hause haben sollte" (Ken Olsen, Gründer der IT-Pionier-Firma Digital Equipment Corp).

Von wegen Demenz: Die Digitalisierung dient dem Denken

Zurück in die Gegenwart: Ich bin ein Fan der Wissenschaft. Sie liefert objektive Fakten und nimmt Vorurteilen, gefährlichem Halbwissen und Desinformation den Wind aus den Segeln. So auch dem Schreckgespenst "digitale Demenz":

Ben Storm und Sean Stone sind Wissenschaftler der University of California in Santa Cruz. Sie untersuchten jüngst, wie sich die Digitalisierung auf das menschliche Gehirn auswirkt. Ergebnis: Wer Daten digital speichert, statt sie sich zu merken, nimmt leichter neue Informationen auf.

"Results from three experiments showed that saving one file before studying a new file significantly improved memory for the contents of the new file. [...]. These results suggest that saving provides a means to strategically off-load memory onto the environment in order to reduce the extent to which currently unneeded to-be-remembered information interferes with the learning and remembering of other information."

Klarer Pluspunkt für die Digitalisierung. Weitere positive Erkenntnis: Vor allem das kreative Denken lebt auf, wenn User unnötigen Wissensballast auslagern.


Die Wissenschaft betont die Vorteile der Digitalisierung.
(Idea von Foster's Art of Chilling unter CC BY 2.0)

Auch andere Forscher konnten den digitalen Höllenschlund bislang nicht ausmachen:

Der Gedächtnisforscher Gary W. Small empfiehlt, Termine, Telefonnummern und Wegbeschreibungen digital auszulagern und sich bewusst zu entscheiden, welche Dinge man sich wirklich merken möchte.

Die beiden Hirnforscher Hans-Peter Thier und Michael Madeja betonen, dass Surfen im Internet Alzheimer vorbeuge und ältere Menschen vor Vereinsamung schütze.

Prof. Dr. Markus Appel und Diplom Psychologin Constanze Schreiner von der Universität Koblenz-Landau fanden heraus: Die Internet-Nutzung reduziert weder den sozialen Austausch, noch das gesellschaftlich-politische Engagement.

Das Online-Zeitalter: alles super?

Fast. "Dosis facit venenum", sagt der Lateiner: Die Dosis macht das Gift. Deshalb breche ich auch gerne eine Lanze für die alte Offline-Schule:

Statt blind aufs Navi zu vertrauen, einfach mal wieder den eigenen Orientierungssinn schulen oder nach dem Weg fragen.

Statt mit starrem Blick aufs Schlauphone loszurennen, einfach mal öfter den Kopf heben (oder zumindest Google Glass benutzen, da blickt man wenigstens geradeaus).

Statt nur noch WhatsApp zu nutzen, einfach mal wieder im Café von Angesicht zu Angesicht stundenlang quatschen.

Und: Trotz aller externen Speichermöglichkeiten sich einfach mal wieder Wissen offline merken – vor allem das scheinbar unnütze:
    >> Fakt: Gitarrengott Jimi Hendrix begann seine Karriere auf einer einsaitigen (!) Ukulele (!!) <<

    Unwichtig? Von wegen! Das könnte die Millionenfrage bei Herrn Jauch sein – und der bietet weder einen Google- noch einen Siri-Joker. ;-)

    Quellen:

    Kommentare

    Mathias Sauermann

    Mathias Sauermann
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