Cybermobbing: Wenn das Web zum Alptraum wird

Beleidigungen, Belästigungen, Drohungen: Das Web bringt mitunter die hässlichsten Seiten des Menschseins hervor. Was treibt die Täter an, wie ergeht es den Opfern – und wie unterscheidet sich das digitale Mobbing von seiner Offline-Variante?

Cybermobbing und seine Folgen.
Mobbing in sozialen Netzwerken und seine Folgen.
(Stopp Cybermobbing von Pro Juventute unter CC BY 2.0)

Ein Jahr ist es her, da durfte ich ein spannendes >Interview mit Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus von der Universität Würzburg führen. Ich fragte sie, was eine psychologisch belegbare Gefahr der Internetnutzung sei. Ihre Antwort: das Cybermobbing.

Eine aktuelle Veranstaltung lässt mich das Thema erneut aufgreifen:

"Cybermobbing, Sexting, Social Extremismus & Co." – so hieß Mitte Mai das Thema einer Fachtagung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in Dortmund. Rund 400 Experten beleuchteten die Schattenseiten des Webs.

Einer der Redner war Prof. Dr. Matthias Brand – Leiter des Fachgebietes "Allgemeine Psychologie Kognition" an der Universität Duisburg-Essen. Ich habe mir seinen Vortrag nachträglich genauer angeschaut:

Cybermobbing: 10 Fakten

1. Was ist Cybermobbing?
Definition 1: Absichtlicher und offener Akt der Aggression gegen eine andere Person online.

Definition 2: Die wiederholte und absichtliche Schädigung durch elektronische Texte.

Definition 3: Eine aggressive und vorsätzliche Handlung, die von einer Gruppe oder einzelnen Personen mittels elektronischer Kommunikationsmittel, wiederholt und über längere Zeit, gegen ein Opfer, das sich nicht ohne Weiteres dagegen schützen kann, durchgeführt wird.


2. Welche Online-Faktoren begünstigen das digitale Mobbing?
Enthemmung durch Anonymität: Wer will, kann im Netz unerkannt wüten.

Empathielücke: Da der Täter seinem Opfer im Netz nicht direkt gegenübersteht, fällt es ihm besonders schwer, dessen Gefühle nachzuempfinden.


Wer mobbt warum im Web?
Das Web kann das Hässliche in uns zum Vorschein bringen.
(troll-troll-face von đây chỉ là cái kho chứa hình unter CC BY 2.0)

3. Wie sehen die Angriffe aus?
Körperlich: Gewalt androhen.

Verbal: beschimpfen und verleumden.

Beziehungsebene: aus einer (Online-)Gruppe ausschließen.


4. Was unterscheidet Cybermobbing von der Offline-Variante?
Zeit und Raum spielen beim Mobbing keine Rolle.

Die Tat kann problemlos wiederholt werden.

Die direkten Folgen und Reaktionen des Opfers bleiben unsichtbar.

Die Anonymität des Webs enthemmt.


5. Wie verbreitet sind Online-Angriffe?
Rund 40 Prozent der 14- bis 28-Jährigen haben sich bereits einmal an Cybermobbing beteiligt.

Rund ein Viertel aller Schüler war bereits Opfer.


6. Wer sind die Täter und wer sind die Opfer?
Die vor allem jungen Täter sind sehr aggressiv und gleichzeitig kaum fähig, sich selbst und ihr Handeln kritisch zu hinterfragen.

Typisch für die Opfer ist, dass sie viele Online-Inhalte produzieren, viele Online-Kontakte haben und online gerne Risiken eingehen.

Cybermobbing kann permanent betrieben werden.
Cybermobbing: Weglaufen ist im Web nicht möglich.
(bullying-739607 von Pimkie unter CC BY-SA 2.0)


7. Warum mobben Menschen im Web?
  • "aus Spaß".
  • Opfer ist unbeliebt.
  • "Freunde tun es auch".
  • Opfer hatte Täter verärgert.
  • Täter war vorher selbst Opfer.
  • Täter will technische Fertigkeiten demonstrieren.
  • Zusammengefasst: "sich selbst gut fühlen" & sozialer Vergleich.

8. Auf welche Merkmale der Opfer beziehen sich die Angriffe?
  • Behinderungen
  • Sexuelle Orientierung
  • Besondere Fähigkeiten
  • Aussehen
  • Ethnische Zugehörigkeit
  • Status
  • (abweichendes) Verhalten
  • "Einfach anwesend"

9. Wie ergeht es den Opfern?
Die eine Hälfte kommt mit ihrer Situation gut zurecht – dank Familie, Freunden und Bekannten, die sie unterstützen.

Die andere Hälfte leidet unter massiven körperlichen und seelischen Folgen: Konzentrationsprobleme, soziale Isolation, Selbstmordgedanken.

Langfristig drohen Depressivität, Ängstlichkeit, Einsamkeit sowie psychosomatische Erkrankungen (= körperliche Krankheiten, die psychisch bedingt sind).


10. Wie können wir Opfern von Cybermobbing helfen?
Klares Nein zu jedweder Form des Cybermobbings.

Opfern zur Seite stehen.

Ebenso klares Nein zu Revanche-Aktionen, da diese zu einer Konflikt-Endlosschleife führen.


Erst denken, dann posten.
Erst denken, dann posten.
(Think before you von Thomas Galvez unter CC BY 2.0)

Cybermobbing: Wie böse ist das Web?

Meine Antwort: weder gut noch böse. Nur die Mediennutzung kann eine Wertigkeit besitzen – nicht das Medium als solches.

Ich erinnere mich an eine entscheidende Info aus meinem Interview mit Astrid Carolus: Das Web holt nur das aus uns heraus, was bereits in uns ist. Heißt auch: Kein Mensch wird durch die Internetnutzung "böse" oder fundamental "verdorben". Gerne verwechseln Internet-Kritiker Ursache und Symptom.

Also müssen wir das Übel an der (Offline-)Wurzel packen. Stichwort Bewusstmachung: Wer seine Online-Nutzung kritisch hinterfragt und sich digital vorsieht, kann sich weitgehend vor Cybermobbing-Attacken schützen. Gleichzeitig müssen wir das Einfühlungsvermögen fördern, um potenzielle Mobbing-Täter umdenken zu lassen.

Das setzt allerdings webaffine Bezugspersonen voraus: Eltern, Lehrer, Pädagogen. Und von denen gibt es in der digital kompetenten Variante nach wie vor leider viel zu wenige.

Was meint ihr? Wie sollten wir dem Thema Cybermobbing begegnen?


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Mathias Sauermann

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