Digitalisierung: Stolpert die deutsche Wirtschaft über ihre Ignoranz?

Stichwort digitale Transformation: Manche deutsche Unternehmen erinnern dabei wahlweise an ein kleines Kind ("Wenn ich die Augen schließe, ist es nicht da!") – oder einen neuzeitlichen Sonnenkönig ("Disruption? Nur Gott kann mir gefährlich werden!"). So eine Denke hat bereits einige unternehmerische Prachtschiffe absaufen lassen.


Stolpert Deutschland über seine Digitalisierungs-Ignoranz?
(Stolpern / Pixabay-Lizenz)


Im Herbst 2018 zitierten Nachrichtenportale den Chef eines deutschen Großkonzerns folgendermaßen:

"Hier in Deutschland, [...], gab es Gründungen schon, da gab es im Silicon Valley noch gar keine Garagen."

Historisch mag das ja zutreffen, aber was will er damit sagen? Dass Unternehmen wie die Google-Mutter Alphabet, Apple, Facebook oder eBay Emporkömmlinge seien, die dem deutschen Unternehmergeist nichts anhaben können? Oder dass wir problemlos in Deutschland Tech-Unternehmen gründen können, die den US-Playern zeigen, wo der (digitale) Hammer hängt?

Beides wäre argumentativ schwach bis haltlos. Schauen wir uns die Fakten an: In der aktuell weltweit mächtigsten Wirtschafts-Struktur ist Deutschland ein kleines Licht.


Und in Kalifornien mag es vor 150 Jahren noch keine Gründungswellen gegeben haben – heute beheimatet das Silicon Valley dafür einige der wertvollsten Unternehmen der Welt:


Deutschland verpennt die Digitalisierung

Sich überheblich zu geben, ist ein verbreiteter Angst-Reflex: Ich erhöhe mich, damit der andere nicht mehr so bedrohlich wirkt. Dass dieser Schuss in der Digitalwirtschaft öfter nach hinten losging, beweisen die folgenden Zitate (die rein zufällig alle von Microsoft-Köpfen stammen):

➧ "Das Internet ist nur ein Hype" – Microsoft-Gründer Bill Gates im Jahr 1993.

➧ "Apple ist bereits tot" – Nathan Myhrvold, ehemaliger Microsoft Technik-Chef, im Jahr 1997.

➧ "[...], dennoch ist das iPhone nur ein gewöhnliches Telefon. [...]. Daher garantiere ich Ihnen, dass sich das iPhone nicht sonderlich verkaufen wird." – Steve Ballmer, Ex-Microsoft-CEO, im Jahr 2007.

Zurück zu Deutschlands digitalem Dornröschenschlaf: Die obigen Schaubilder belegen eindrucksvoll, wo die deutsche Wirtschaft bereits den Anschluss verpasst hat. Und selbst in Sachen künstliche Intelligenz, bei welcher jetzt noch Zeit wäre, mitzuziehen, machen viele deutsche Unternehmen was? Genau: schlafen. Die Zahlen zum KI-Einsatz in der deutschen Wirtschaft sind schwach.

Sehenden Auges in die Kodak-Falle?

"You Press the Button, We Do the Rest" – mit diesem Slogan startete Kodak im Jahr 1888. 87 Jahre später (1975) erfand der einstige Weltmarktführer für Fotografie-Zubehör genau die Technologie, welche ihm das Genick brechen sollte: die Digitalfotografie.

Das Problem: Kodak behandelte die neue Technik stiefmütterlich, man wollte nicht das erfolgreiche analoge Kerngeschäft bedrohen. Das Unternehmen glaubte, die Digitalfotografie "unterdrücken" zu können. Die Mitbewerber Nikon und Canon belehrten den Branchen-Primus eines Besseren. 2013 verkaufte Kodak seine Fotofilm-Produktion, das einst hochprofitable Kerngeschäft war damit auch offiziell erledigt.

Eklatante Management-Fehleinschätzungen finden sich nicht nur bei analog ausgerichteten Traditionsunternehmen wie Kodak. Auch Tech-Unternehmen stolpern darüber, wie die folgenden Beispiele zeigen:

➧ Microsoft verpennte das Internet (siehe oben).

➧ Google ignorierte zu lange das Thema soziale Netzwerke (siehe die Totgeburt Google Plus).

➧ Blackberry und Nokia glaubten, auf Touchscreens verzichten zu können (und wurden vom iPhone weggefegt).

➧ Yahoo lehnte Ende der 1990er das Angebot der beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin ab, deren Suchtechnologie zu kaufen.

Harvard-Professor Clayton Christensen nennt dies "Innovator's Dilemma": Marktführende Unternehmen halten zu lange an ihren alten Geschäftsmodellen fest, statt sich selbst neu zu erfinden.

Digitalisierung: Inspiration statt Ignoranz 

Für deutsche Unternehmen heißt das: Begrüßt die Digitalisierung, traut euch, unbekanntes Terrain zu betreten, und seid offen für Inspiration – auch und vor allem aus dem Silicon Valley.

Wer im Digitalzeitalter wettbewerbsfähig bleiben will, muss sein Geschäftsmodell permanent hinterfragen – auch wenn es schmerzt.

Lasst es mich wissen: Wie schätzt ihr Deutschlands künftige digitalwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ein?

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Mathias Sauermann

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